Hörkino-Archiv 2016

Maike Hildebrand

Maike Hildebrand

Mittwoch, 3. Februar 2016

Remco, der Transmann

Protokoll eines Wandels

Maike Hildebrand
Deutschlandfunk / NDR, 2015

Woher kommen die ohnmächtige Wut und die depressive Stimmung? Lange Zeit fragte sich Kitty, was mit ihr los ist. Dabei war sie doch erfolgreich als Sängerin und Schlagzeugerin einer Country-Band. Die kleine Kitty mit den roten Haaren. In dieser Zeit entdeckte sie ihr Mann-Sein. Sie beschloss, das Gefühl, im falschen Geschlecht zu stecken, nicht mehr zu unterdrücken.

Aus Kitty wird Remco, der Transmann, der raus will aus einer fremden Haut, der sich nach einer komplett neuen, männlichen Identität sehnt. Mit 39 Jahren beginnt Remco eine Hormontherapie und unterzieht sich schließlich einer geschlechtsangleichenden Operation. Die Autorin begleitet Remcos Entwicklung über zwei Jahre mit Tonaufnahmen und eigenen Tagebuchaufzeichnungen. Durch die Begegnungen mit dem Transmann erschließt sich ihr allmählich eine neue, anfangs noch völlig fremde Welt. Für Remco ist es eine Zeit des Wandels, in der ihm Barthaare wachsen, sein Oberkörper muskulös und seine Stimme tief werden.

Maike Hildebrand lebt in Bremen, studierte Sozialwissenschaften. Seit 1990 freie Journalistin für ARD-Hörfunksender, verschiedene Fachmagazine und Tageszeitungen.


Rainer Kahrs

Rainer Kahrs

Mittwoch, 2. März 2016

Willy, dringend gesucht

Ein Feature über deutsche Bauern und das FBI

Rainer Kahrs
Radio Bremen/das ARD radiofeature, 2015

Ställe mit 5.000 Kühen und weit und breit keine Bürokratie, die nervige Auflagen macht. Diesen Traum hatte Willy van Bakel deutschen und holländischen Bauern eingeflüstert und sie kamen in Scharen. Vorher verkauften sie Haus und Hof, gaben Willy das Geld, der versprach, in den USA Mega-Kredite zu besorgen und Mega-Ställe zu bauen.

Doch Willy wirtschaftete schlecht, die US-Banken drehten den Geldhahn zu, halb fertige Ställe verödeten und die Bauern gingen Bankrott. Und Willy? Der verkaufte gegen Cash tausende Kühe. Russische Händler karrten die Tiere durch die texanische Gluthitze zum Hafen nach Houston. Dann wurden sie ans andere Ende der Welt verfrachtet, nach Sewastopol.

Viele Bauern leben heute von der Hand in den Mund in den USA und Willy ist auf der Flucht – gesucht vom FBI und vom Insolvenzverwalter. Doch während die ihn noch suchen, plant er längst ein neues Projekt: einen Mega-Stall mit 120.000 Kühen in Brasilien.

Rainer Kahrs arbeitet als freier Fernsehreporter und Hörfunkautor für verschiedene ARD-Anstalten und unterrichtet Recherche an der Hochschule Bremen. Sein ARD-Radiofeature »Das Geheimnis des Waffenschiffes Faina« erhielt den »Feature-Preis bremer hörkino« und war nominiert für den »Prix Europa«.


Inge Braun

Inge Braun

Mittwoch, 6. April 2016

Herr K.

Eine Affäre mit dem Sozialamt

Inge Braun
Rundfunk Berlin-Brandenburg/Norddeutscher Rundfunk, 2015

Als Empfänger von staatlicher Grundsicherung im Alter müsste sich Herr K. auf existenziell sicherem Grund wähnen. Doch für ihn tut sich ein Abgrund auf. In die Rolle des Bittstellers beim Sozialamt gedrängt, fühlt er sich ungerecht behandelt. Als die Behörde Sozialleistungen von ihm zurückfordert, setzt er sich entschlossen zur Wehr. Der Fall eskaliert.

Das Feature dokumentiert die jahrelangen Auseinandersetzungen und gibt einen Einblick in das Leben eines Sozialrentners. Dabei wird auch das durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse produzierte System von Altersarmut und Grundsicherungsabhängigkeit mit all seinen bürokratischen Regelungen und Restriktionen hinterfragt.

Inge Braun, in Riedlingen an der Donau geboren, lebt und arbeitet seit vielen Jahren als Rundfunkautorin in Berlin. Für ihr Feature zur Einbürgerung »Werd’ ich mit Singen deutsch?« erhielt sie 2010 zusammen mit Helmut Huber den »Europäischen CIVIS Preis« und den »Deutschen Sozialpreis«.


Michael Weisfeld

Michael Weisfeld

Mittwoch, 4. Mai 2016

Königskinder

Eine Familiengeschichte zwischen Togo und Deutschland

Michael Weisfeld
Südwestrundfunk, 2015

Bassirou Ayéva ist ein Prinz und ein Dichter. In seinem früheren Leben war er Feuilleton-Chef der größten Zeitung seines Heimatlandes Togo. Als Anfang der 1990er eine demokratische Revolte gegen die Militärdiktatur losbrach, war Ayéva einer der Anführer. Die Diktatur siegte, der Prinz floh nach Deutschland.

In Bremen wurde er Sozialarbeiter in einem Flüchtlingsheim für unbegleitete Jugendliche. Die meisten kommen wie er aus Westafrika. Jedes Jahr kehrt der Prinz in die togolesische Provinz zurück und veranstaltet ein Festival, das Musik und Tänze seines Volkes wiederbeleben soll. Er kämpft mit Hilfe der Tradition und seiner königlichen Abstammung gegen den islamischen Fundamentalismus, für den Singen und Tanzen unrein sind – Boko Haram operiert in der Nähe.

Heimkehren wird er dennoch nicht. In Politik und Medien geben jüngere Leute den Ton an. Auch seine sechs Kinder leben in Deutschland.

Michael Weisfeld, geboren 1947 und aufgewachsen in einem hessischen Dorf als »Zwergschüler«. Dennoch konnte er später Politikwissenschaft studieren. Um das wirkliche Leben kennenzulernen, arbeitete er unter anderem bei den Stahlwerken Bremen. Dann wandte er sich seinem Traumberuf zu und wurde Reporter –für die »taz« und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.


Mechthild Müser

Mechthild Müser

Mittwoch, 1. Juni 2016

»Jede Nacht haben sie andere geholt«

Vergewaltigung als Kriegsstrategie

Mechthild Müser
Westdeutscher Rundfunk/Deutschlandradio Kultur/Bayerischer Rundfunk, 2015

Ist die Vergewaltigung von Frauen eine besonders effektive Kriegswaffe? Was bringt Soldaten, Milizen und Polizisten dazu, ihre Macht auf diese Weise zu demonstrieren? Steckt eine gezielte Strategie dahinter, selbst wenn direkte Befehle von Oben oft nicht nachweisbar sind?

In Bosnien wurden während des vier Jahre andauernden Krieges mindestens 25.000 muslimische Frauen von bosnischen Serben systematisch vergewaltigt, alte wie junge. Ziel war unter anderem die ethnische Vertreibung der muslimischen Bosnier.

In patriarchalen Gesellschaften gilt die sexualisierte Gewalt an Frauen auch als besondere Demütigung der Männer, denn die Frau ist für die Ehre des Mannes zuständig. Bis heute wagen sich nur wenige betroffene Frauen in ihre Heimatorte zurück, viele sind physisch und psychisch zerstört. Die Täter waren oft ehemalige Nachbarn. Sie haben ihr Ziel erreicht: In der Republica Srpska, dem serbischen Teil Bosniens, leben heute kaum Muslime.

Mechthild Müser lebt und arbeitet in Bremen, ist seit mehr als 30 Jahren Feature-Autorin der ARD, interessiert an den unterschiedlichen Kulturen der Welt, begeistert von Landschaften und Meeren, aber immer wieder entsetzt davon, was Menschen einander antun. Für das Feature erhielt sie 2015 den »Juliane Bartel Medienpreis«.


Tom Schimmeck

Tom Schimmeck

Mittwoch, 7. September 2016

Switch off Shanghai!

Vorbereitung auf den Cyberkrieg

Tom Schimmeck
Norddeutscher Rundfunk/das ARD radiofeature, 2015

Kommt der »Cyberwar«, der elektronische Krieg, der Kommunikation und die Finanzsysteme, die Produktion, den Verkehr und die Energieversorgung ganzer Nationen lahmlegen kann? Das Feature erkundet dieses »Schlachtfeld der Zukunft«, schildert Vorbereitungen und Strategien und prüft mögliche Szenarien.

Schon heute greifen Hacker in staatlichem Auftrag die Computersysteme ausländischer Regierungen und Konzerne an. Ihr Ziel: Spionage und Sabotage. Die USA fürchten, »Hackereinheiten«, etwa aus China, könnten ihre hoch vernetzte militärische und industrielle Infrastruktur lahmlegen.

Im Oktober 2014 erklärte FBI-Chef James Comey, China führe bereits einen »aggressiven Cyberkrieg« gegen die USA, der das Land jährlich Milliarden koste. »Cyberangriffe sind eine der größten Herausforderungen, vor denen wir als Nation stehen«, glaubt US-Präsident Barack Obama. Das »US Cyber Command« hat seit 2011 den Befehl zur »proaktiven Verteidigung« der Nation. Auch Konzerne hacken längst zurück.

Tom Schimmeck lebt in Wedel, war Mitgründer der »taz«, Reporter bei »Tempo« und der »Woche«, politischer Redakteur des »Spiegel«. Heute produziert er vor allem Radio-Feature. Er erhielt diverse Preise, darunter der »Deutsche Sozialpreis«, der » Feature-Preis der Stiftung Radio Basel« und der »Feature-Preis bremer hörkino«. Sein Buch »Am besten Nichts Neues – Medien, Macht und Meinungsmache« erschien 2010.


Mandy Fox

Mandy Fox

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Exil im eigenen Land

Myanmar aus der Sicht einer Rohingya-Familie

Mandy Fox
Deutschlandradio Kultur/Saarländischer Rundfunk, 2015

Der Familienvater U Aung setzt sich als Anwalt und Aktivist seit vielen Jahren für ein friedliches Miteinander ein. Mehrmals saß er als politischer Gefangener im Gefängnis. Auch seine Familie ist täglichen Repressionen ausgesetzt. Vier seiner Söhne haben deswegen das Land verlassen.

U Aung und seine Familie sind Rohingya. Sie leben im Westen Myanmars, wo nur selten ein Tourist hinkommt. Die Regierung bezeichnet die Rohingya als illegale Immigranten aus Bangladesh. Als bei den Konflikten 2012 über 100.000 Menschen in Lager für »Internally Displaced Persons« vertrieben wurden, brannte auch das Haus der Familie ab.

Das Feature erzählt die Geschichte des Landes Myanmar aus der Sicht der Familie und versucht zu verstehen, wie und warum ethnische Konflikte geschürt und instrumentalisiert werden.

Mandy Fox wohnt in Potsdam und arbeitet als freie Feature-Autorin und Journalistin für die ARD-Sendeanstalten und Deutschlandradio Kultur. Ihr Schwerpunkt ist Myanmar, der Fokus ist Südostasien. Wenn sie nicht in Asien unterwegs ist, recherchiert sie in Deutschland spannende Geschichten, moderiert Radiosendungen und entwickelt interkulturelle Projekte.


Eva Schindele

Eva Schindele

Mittwoch, 2. November 2016

Tod eines Neugeborenen

Eine Hebamme vor Gericht

Eva Schindele
Westdeutscher Rundfunk/Südwestrundfunk, 2016

Das Landgericht Dortmund verurteilte die Geburtshelferin Anna R. wegen Totschlags zu einer langen Haftstrafe. In dem Prozess ging es vor allem um die unterschiedlichen Auffassungen geburtshilflicher Praxis: die Entbindungstechnik der Mediziner und die Geburtshilfe der Hebammen.

An die 2000 Geburten hatte Anna R. in ihrer 35 jährigen Berufslaufbahn außerklinisch begleitet. Zudem war sie in der Lehre tätig. Da nur noch wenige Geburtshelfer wissen, wie sie ein Kind aus Beckenendlage auf natürlichem Wege entbinden können, wandte sich ein Elternpaar hilfesuchend an die erfahrene Geburtshelferin. Weil ihr Kind tot zur Welt kam, spricht das Dortmunder Schwurgericht die Ärztin nach einem langwierigen Prozess des Totschlags für schuldig. Anna R. habe die Mutter nur deshalb nicht in ein Krankenhaus überwiesen, weil sie ihr berufliches Renommee nicht habe beschädigen wollen. Sie habe den Tod vorsätzlich in Kauf genommen. Bis zum Schluss versuchte Anna R. ihre Unschuld zu beweisen. Der Ablauf der Hauptverhandlung und die Urteilsbegründung lassen viele Fragen offen. Auch wenn der Vorsitzende Richter betont: „Dies ist kein Hexenprozess!“, wird in dem zwei Jahre dauernden gerichtlichen Verfahren nicht nur der Tod eines Neugeborenen verhandelt, sondern auch unterschiedliche Auffassungen geburtshilflicher Praxis: die Entbindungstechnik der Mediziner und die Geburtshilfe der Hebammen.

Eva Schindele, geboren 1951, lebt und arbeitet in Bremen. Sie ist Wissenschaftsjournalistin mit den Schwerpunkten Medizin,Ethik, Politik; Gutachterin bei medien-doktor.de für Qualität im Medizinjournalismus. Sie erhielt verschiedene Journalistenpreise.


Bettina Mittelstraß

Bettina Mittelstraß

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Lamento!

Ein Ausflug ins Tal des Jammerns

Bettina Mittelstraß
Deutschlandfunk, 2015

Was ist dran am Jammern, Mäkeln und Maulen? Ist es eine bewährte Methode zur psychischen Entlastung oder einfach nur das Geheule bedauernswerter Jammerlappen?

Ist das klägliche Jammern eine gleichermaßen menschliche und tierische Kommunikationsform mit bestimmten akustischen Merkmalen? Warum wird aus Kummer, Verzweiflung und Ärger gejammert? Oder hat das Jammern einfach Methode?

Wer neigt eigentlich zum Jammern und wer perfektioniert es und wie? Eine neugierige Reise durch Jammertäler und andere Jämmerlichkeiten.

Bettina Mittelstraß lebt und arbeitet als freie Autorin für Print und Hörfunk in Berlin. Seit 2002 schreibt sie Radio-Feature. Ihre Schwerpunkte liegen in der Wissenschaft, der Kultur und der Musik.