Hörkino-Archiv 2017

Christian Lerch

Christian Lerch

Mittwoch, 1. Februar 2017

Papa, wir sind in Syrien

Joachim Gerhards Suche nach verlorenen Söhnen und heiligen Kriegern

Christian Lerch Rundfunk Berlin-Brandenburg / Westdeutscher Rundfunk, 2016

Februar 2015. Joachim steht am türkisch-syrischen Grenzort Elbeyli, in Sichtweite zur bombardierten Stadt Kobane und brüllt verzweifelt in sein Telefon. Er versucht seine beiden Söhne Mike (18) und Klaus (23) zu überreden, mit ihm nach Deutschland zurückzukehren.

Es ist das vorerst letzte Mal, dass der 51-Jährige ihre Stimmen hört – verzerrt und hysterisch. Wenig später taucht ein Video auf: Mike und Klaus posieren darin unter schwarzer Daesh-Fahne mit einer auto-matischen Waffe und erklären ihren Vater zum Feind. Joachim gibt seine Söhne nicht auf, trotz der Lossagung und trotz der Gefahren des Bürgerkriegs, sucht er in Syrien unbeirrt nach ihnen weiter.

Christian Lerch, in wohl getakteten Polyrhythmen zwischen Berlin und Wien pendelnd, schreibt Feature-Stücke, produziert Hörspiele und gestaltet Musikbeiträge – und in Zukunft vermehrt Online-Projekte.


Charly Kowalczyk

Charly Kowalczyk

Mittwoch, 1. März 2017

Plötzlich wuchsen Schorsch Brüste

Medikamententests an Männern mit geistiger Behinderung

Charly Kowalczyk Deutschlandfunk?/?Südwestrundfunk, 2016

Anfang der 70er-Jahre stellte der Ersatzdienstleistende Gebhard Stein im badischen Epilepsiezentrum der Diakonie Kork häufig die Medikamente für den nächsten Tag zusammen. Ihm fiel auf, dass ein Jugendlicher täglich eine Pille ohne Arzneimittelnamen bekam. Nur der Name eines großen Pharmakonzerns und eine Nummer standen auf der Medikamentenpackung.

Damals behaupteten die Ärzte und Pfleger in Kork, dass man bei Schorsch den Sexualtrieb hemmen müsse. Der Autor geht in seinen Recherchen den Erinnerungen des Ersatzdienstleistenden nach. Was geschah in Kork und vielleicht auch anderswo? Wurden junge, behinderte Männer Versuchskaninchen eines Pharmakonzerns? Wie reagiert die diakonische Einrichtung in Kork auf den Vorwurf?

Und nicht zuletzt: Haben Menschen mit geistiger Behinderung heute ein sexuelles Selbstbestimmungsrecht?

Charly Kowalczyk lebt in Potsdam. Er schreibt Features, Reportagen und Sachbücher. Sein Interesse gilt vor allem sozialen und umweltpolitischen Themen. Er erhielt mehrere Feature-Preise. Veranstaltet mit Beate Hoffmann das Bremer hörkino.


Class Christophersen

Class Christophersen

Norbert Zeeb

Norbert Zeeb

Mittwoch, 5. April 2017

13 Jahre bremer hörkino! Preisverleihung Debüt-Feature-Preis »Rüdi hört« für "Dein Feind, Dein Mitarbeiter"

Strategische Kriegsführung im Betrieb

Class Christophersen und Norbert Zeeb Norddeutscher Rundfunk, 2015

Zum sechsten Mal wird der »Feature-Preis bremer hörkino« verliehen. Damit möchten Beate Hoffmann und Charly Kowalczyk Autorinnen und Autoren auszeichnen und ermutigen, interessante und wichtige Hör-Stücke zu produzieren – auch in Zeiten, in denen der Wortanteil und aufwändig recherchierte Geschichten weniger werden. In diesem Jahr wird mit dem Preis zum ersten Mal die Leistung für ein Debüt-Feature gewürdigt.

Der Preis und die Bronze-Skulptur »Rüdi hört« des Berliner Künstlers Zoppe Voskuhl geht dieses Jahr an Class Christophersen und Norbert Zeeb für »Dein Feind, Dein Mitarbeiter – Strategische Kriegs-führung im Betrieb«.

Wir feiern mit Sekt und Selters und präsentieren das Preis-Feature.

Der Feature-Preises bremer hörkino wird gestiftet von swb, den beiden Veranstaltern des hörkinos und Radiohörerinnen. Wir danken der Jury: Christiane Glas Feature-Redakteurin Norddeutscher Rundfunk, Rainer Kahrs Feature-Autor und Journalist, Sandra John Publikumsgast des Bremer Hörkinos

Dein Feind, Dein Mitarbeiter
Strategische Kriegsführung im Betrieb
Class Christophersen und Norbert Zeeb

Norddeutscher Rundfunk, 2015

»Union Busting« heißt so viel wie »Gewerkschaftszerschlagung«. Die teilweise robusten Methoden sind Ende des 19. Jahrhunderts in den USA entstanden. Anwälte und Firmenberater entwickelten Strategien, mit deren Hilfe sie die Macht der Arbeitnehmerorganisationen zu brechen suchten.

Dieser »Arbeitskampf von oben« ist inzwischen auch in Deutschland angekommen. Das Spektrum der teils legalen, halblegalen und manchmal auch bewusst illegalen Methoden ist vielfältig. Stets zielen diese darauf ab, gewerkschaftsnahe Betriebsräte zu demontieren und Tarifinitiativen im Keim zu ersticken. Wie enthemmt einige Arbeitgeber dabei gegen gewerkschaftlich engagierte Mitarbeiter vorgehen, recherchierten die Autoren Claas Christophersen und Norbert Zeeb in Hamburg und Niedersachsen.

Mithilfe zahlreicher Gerichtsakten und Observationsprotokolle dokumentiert das Feature insbesondere die bizarren Ereignisse um den Betriebsratsvorsitzenden Murat Günes beim Verpackungshersteller Neupack in Hamburg.

Claas Christophersen studierte Soziologie und präsentiert Radio-Nachrichten beim NDR. Er produziert Radio-Reportagen und Hintergrundbeiträge, arbeitet als Sprecher und Dozent für Radiojournalismus.

Norbert Zeeb studierte Soziologie und Politik. Er arbeitet als freier Radiojournalist und produziert Hintergrundsendungen über Politik und Zeitgeschichte.


Egon Koch

Egon Koch

Mittwoch, 3. Mai 2017

Die Draufgängerin

Meine Tochter und ich

Egon Koch Südwestrundfunk, 2016

Party. Drogen. Koma. Der 16-jährigen Tochter des Autors Egon Koch passierte das, wovor alle Eltern Angst haben. 54 Stunden dauerte es, bis sie wieder aufwachte. Die Zeit auf der Intensivstation war der Höhepunkt im Drama ihres Erwachsenwerdens.

In jungen Jahren hatte sie bereits einiges erlebt: die Trennung der Eltern und den Tod des neuen Partners der Mutter. Überfordert damit, ihrer trauernden Mutter eine Mutter zu sein, suchte sie den Ausweg im exzessiven Feiern. Bis zum völligen Zusammenbruch. Im Krankenhaus erwacht sie als ein anderer Mensch. Auf die Katharsis folgen ein Tattoo, die erste Liebe, das Abitur und sie geht gereift in eine offene Zukunft. Die Geschichte ist auch eine Tochter-Vater-Geschichte. Seit frühesten Kindertagen hat Egon Koch Gespräche mit seiner Tochter auf Band aufgezeichnet.

Das Feature erhielt 2016 den »dokKa-Preis für die ausgezeichnete Hördokumentation«.

Egon Koch wuchs auf dem Rheinschiff »Rabelais« auf und lebt in Hamburg. Er arbeitet seit 35 Jahren als Autor, schreibt Romane, Hörspiele sowie Feature und macht Dokumentarfilme –Schwerpunkt: Grenzbereiche des Daseins. Er erhielt mehrere Journalistenpreise.


Erhard Lauer

Erhard Lauer

Mittwoch, 7. Juni 2017

Alte Deutsche, junge Thais

Im Deutschen Evangelischen Begegnungszentrum von Pattaya / Thailand

Erhard Lauer Bayerischer Rundfunk / Deutschlandfunk, 2015

Familien essen Kirschtorte, eine Reiseleiterin Sauerbraten, der deutsche Pfarrer plaudert mit einer einheimischen Nonne und ältere deutsche Herren unterhalten sich über die Geldgier ihrer jungen Thai-Bräute. Im Deutschen Evangelischen Begegnungszentrum des Touristenorts Pattaya treffen Welten aufeinander.

Die Stadt gilt als die Welthauptstadt der Sexpats. Auch tausende Deutsche leben mittlerweile hier. Nicht alle kommen mit dem mehr als nur bunten Treiben klar. In einer Hütte am Stadtrand liegt ein zuckerkranker, komatöser Deutscher, dem bereits beide Beine amputiert wurden – seine thailändische Lebensgefährtin möchte ihn »lieber daheim pflegen«, von seinem Konto hebt ein Unbekannter die deutsche Rente ab.

Ein deutscher Rentner verfolgt solche mysteriösen Fälle mit seiner einheimischen Frau, die das Begegnungszentrum leitet. Am Nebentisch verabreden sich derweil andere Pensionäre zu einem luxuriösen Abend-Buffet im Stadtzentrum.

Erhard Lauer arbeitet seit 1988 für die ARD-Sender sowie den Deutschlandfunk und schreibt investigative Berichte für Fernsehen, Hörfunk und Internet von vier Erdteilen. Ausgezeichnet mit mehreren Journalistenpreisen.


Maike Hildebrand

Maike Hildebrand

Mittwoch, 6. September 2017

Die Kampfansage

Mercedes-Arbeiter fordern ein neues Streikrecht

Maike Hildebrand Deutschlandfunk, 2017

Während einer Nachtschicht im Dezember 2014 legten 1.300 Mercedes-Beschäftigte im Bremer Werk spontan die Arbeit nieder. Sie protestierten gegen Leiharbeit und eine weitere Auslagerung von Arbeitsplätzen. Es war ein »wilder Streik« – die IG Metall wollte die Aktion nicht unterstützen.

Daimler reagierte scharf, sprach hunderten Mitarbeitern Abmahnungen aus und drohte im Wiederholungsfall mit Kündigung. Doch die kämpferischen Metallarbeiter klagen nun gegen den Konzern. Sie wollen eine Reform des deutschen Streikrechts bewirken, das Arbeitsniederlegungen ohne Gewerkschaftsbeschluss verbietet. Nach Ansicht der Kläger und ihrer vier Anwälte steht das geltende Streikrecht im Widerspruch zum Grundgesetz und zur Europäischen Sozialcharta.

Von ihrer Gewerkschaft fühlen sich die Arbeiter im Stich gelassen. Welche Chancen hat die Klage?

Maike Hildebrand, in Bremen geboren, studierte Sozialwissenschaften und arbeitet als freie Autorin im ARD-Hörfunk mit den Schwerpunkten Umwelt, Politik, Frauen.


Albrecht Kieser

Albrecht Kieser

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Programmierter Abschied

Wie Deutschland Prekariat erzeugt

Albrecht Kieser Westdeutscher Rundfunk, 2016

Eine Erzieherin, die ohne Nebenjob nicht über die Runden kommt, ein Unternehmer vor der Pleite, weil er beim Lohndumping nicht mitmacht – ganze Branchen, die auf Scheinselbständigkeit fußen. Mit System werden Millionen unter die Armutsgrenze gedrückt.

Deutschland, eine Mittelschichtsrepublik mit sozialer Marktwirtschaft – das war einmal. Im Namen des globalen Wettbewerbs sorgen Arbeits- und Sozialgesetze dafür, dass jeder fünfte Deutsche heute von Armut bedroht ist. Auch der Mindestlohn hat daran nichts geändert. Gleichzeitig wird denen ganz unten – Gewerbeaufsicht und Arbeitsgerichten zum Trotz – staatlicher Schutz weitgehend entzogen.

Ist diese Entwicklung im globalisierten Kapitalismus schicksalhaft? Haben wir uns damit abzufinden, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt zerstört wird, weil er dem Streben nach höchster Produktivität und maximalem Profit im Wege steht?

Albrecht Kieser lebt in Köln, ist quer eingestiegener Hörfunkjournalist mit sozialwissenschaftlichem Hochschuldiplom und Werkzeugmacherabschluss, erhielt den Toleranz-Preis der Internationalen Journalistenföderation und arbeitet im Projekt »work-watch.de«.


Heike Tauch

Heike Tauch

Mittwoch, 1. November 2017

Eine neu-deutsche Familiengeschichte

Abgeschoben in eine fremde Welt

Heike Tauch Deutschlandfunk, 2016

2015 wird Murat Berisha aus dem Gefängnis in Großbeeren bei Berlin direkt in den Kosovo abgeschoben – in ein Land, das es, als er 1988 in Oslo geboren wurde, noch nicht gab und das er nie kennengelernt hat. Die Abschiebung bedeutet für den 27-Jährigen zwar sofortige Freiheit, aber auch ein lebenslanges Einreiseverbot für Deutschland und den Schengenraum.

Ab sofort muss Murat sein Leben allein meistern in einem Land, dessen Sprache er kaum spricht: Murat kam als 2-Jähriger nach Deutschland. Die Ehe der Eltern scheiterte, mehrmals stand die Familie vor der Abschiebung. Erst nach 18 Jahren Duldung erhält die Mutter eine unbefristete Aufenthalts- und Beschäftigungserlaubnis.

In den 18 Jahren der Angst vor der Abschiebung und Verbannung in die Arbeitslosigkeit konnte Servete Berisha ihrem Sohn keinen Halt geben. Er geriet auf die schiefe Bahn. Wie viele Migrantenkinder wollte Murat nur eins: als Deutscher in Deutschland leben.

Heike Tauch studierte in Greifswald Musik und Germanistik, lebt in Berlin und arbeitet seit 1992 als freie Hörfunk-Autorin und Regisseurin. Für das Deutschlandradio leitete sie das Hörtheater in Berlin.


Winfried Roth

Winfried Roth

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Bella Italia

Spurensuche in der alten Bundesrepublik

Winfried Roth Deutschlandradio Kultur, 2016

Eine Deutschlandrundfahrt auf den Spuren der italienischen Einwanderer der frühen Bundesrepublik, ihren heutigen Nachfahren und der Kultur des Südens im Norden.

Über 800.000 Menschen mit italienischem Hintergrund leben heute zwischen Ostsee und Schwarzwald. Viele kamen als Gastarbeiter in den 50er- und 60er-Jahren aus den Dörfern vor allem des italienischen Südens. Aber schon Jahrhunderte vorher beeinflusste italienische Architektur das Bild deutscher Städte. Romane, Opern und Filme aus »Bella Italia« haben das Leben der Bremer oder Münchnerinnen ebenso bereichert wie Spumante, Gucci-Blusen oder Fiat.

Und was ist heute davon geblieben? Gut sechzig Jahre, nachdem Deutschland und Italien den Vertrag unterzeichnet haben, damit italienische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik kamen? Wie viel Italien steckt noch in Deutschland? Gibt es italienisch geprägte Stadträume? Und wo leben sie überhaupt, die Kinder und Enkel der ersten Gastarbeiter?

Winfried Roth studierte Ökonomie und Soziologie, lebt als freier Journalist in Berlin und arbeitet überwiegend für das Radio zu den Themen Stadtentwicklung, Wirtschaftspolitik und Zuwanderung.