Sandra John und Martin Bädeker

Mo, 18.12.2017

„Wir muten dem Publikum auch einiges zu“

14 Jahre Bremer Hörkino: Wie es begann, wie es wurde, was es ist

Es ist das bundesweit einzige Hörkino mit einem festen Jahresprogramm. 126 Features präsentierten Beate Hoffmann und Charly Kowalczyk seit 2004 öffentlich im swb-Kundencenter. Von Anfang an dabei als Stammgäste sind Sandra John und Martin Bädeker. Sie haben mit den beiden Hörkino-Machern über Anfänge, Anekdoten und Ansprüche gesprochen.

Seit 14 Jahren veranstaltet Ihr das Bremer Hörkino. Wie habt Ihr Euch kennengelernt?

Beate: Wir kennen uns schon über 25 Jahre, damals aus der entwicklungspolitischen Arbeit, als wir in Nicaragua-Initiativen gearbeitet haben. Dann haben wir uns aus den Augen verloren und uns nach Jahren zufällig im Zug wiedergetroffen. Es stellte sich heraus, dass wir beide als freie Journalisten arbeiteten. Ich erzählte Charly, dass wir ein Medienbüro haben, in dem ein Büroplatz frei war. Und schwupps, war Charly eingezogen.

Wie kam es zur Idee für das Hörkino?

Charly: In Berlin hat Deutschlandfunk Kultur öffentlich Feature vorgestellt. Ich fand das spannend und dachte: Schade, dass es so etwas nicht in Bremen gibt. Ich habe Beate angesprochen, ob sie Interesse hat, mit mir so eine Veranstaltungsreihe zu organisieren. Sie hatte Lust, und wir haben uns auf die Suche nach einem Sponsor gemacht. Uns war klar, dass wir es von vornherein professionell organisieren müssen, damit das eine langfristige Perspektive hat. Wir sind beide sehr in der Stadt verankert, das war unser Vorteil. Wir glauben, dass so eine Reihe wahrscheinlich nur funktioniert, wenn man weiß, wie man an Menschen andockt. Außerdem fand ich, dass wir beide im Medienbüro eine gute Mischung waren: Beate mehr als PR-Frau, ich mehr als Journalist.

Beate: Wir haben dann später auch versucht, Geburtshilfe für Hörkinos in anderen Städten zu leisten, zum Beispiel für die Hamburger Kollegen. Leider hat es dort nur drei bis vier Mal funktioniert. Auch in Konstanz versuchen Engagierte ein Hörkino zu etablieren, auch dort ist es schwierig. In Hannover hat ein Team im vergangenen Jahr begonnen, regelmäßig Features zu präsentieren. Wir drücken den Veranstaltern die Daumen. Es ist schon etwas Besonderes, dass wir das Bremer Hörkino seit 14 Jahren machen und wir bundesweit das Einzige sind mit einem Jahresprogramm und in dieser Kontinuität.

Wie seid Ihr zur swb als Sponsor gekommen?

Beate: Wir haben da ganz einfach gedacht: Was braucht man, um Radio zu hören? Strom. Energie. Und die swb hatte damals das schöne Energiecafé mitten in der Stadt und wir wollten auch gern mittenrein in die Stadt mit dem Hörkino. Dann haben wir swb angeschrieben, die Idee vorgestellt und einen Termin mit Doro Kahle vom Sponsoring bekommen. Wir hatten das Glück, dass sie als Radioliebhaberin mit der Idee sofort etwas anfangen konnte.

Heute bekommt Ihr von Redakteuren der ARD Sender Hinweise auf Features, die Ihr im Hörkino vorstellen könntet. Wie war das am Anfang?

Charly: Das war nicht so schwer. Ich habe damals schon Features geschrieben und kannte die deutschsprachige Sender-Landschaft. Aber, die Sender müssen es erlauben, dass wir die Stücke vorführen. Das dauerte ein wenig, bis die Zusammenarbeit unkompliziert funktionierte, aber mit den Jahren hat es sich eingespielt. Man kennt uns in den Sendern und die Autorinnen und Autoren kommen gern nach Bremen. Wir wissen, wie schwer es ist, vom Schreiben zu leben, und wir wollen niemanden nach Bremen locken, ohne wenigstens die Anreise, das Hotel und auch etwas Honorar bezahlen zu können. Durch unseren Sponsor ist das möglich.

Wie viele Features bekommt Ihr im Jahr zugeschickt?

Charly: Viele Autoren, die schon einmal Gast im Hörkino waren, schicken uns ihre Features zu. Aber auch Feature-Autorinnen und Autoren, die noch nie bei uns in Bremen waren, schicken uns eine CD. Die Arbeit für unser Jahresprogramm fängt bei der Vor-Auswahl an: Erst einmal die Programme der ARD, des Schweizer- und Österreichischen Rundfunks durchforsten – natürlich auch Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur - und danach ganz viel selbst hören. Manchmal ist ein Pressetext über ein Feature spannend, aber das Stück selbst nicht so aufregend.

Ihr hört wirklich alle Features vorher?

Charly: Natürlich. Jedes Feature, das wir präsentieren, ist vorher auch angehört worden!

Worauf achtet Ihr bei der Auswahl der Stücke noch?

Beate: Wir haben den Anspruch, dass wir eine Mischung aus Bremern und bundesweiten Autoren haben und dass das Verhältnis von weiblichen und männlichen Autoren einigermaßen ausgeglichen ist. Außerdem achten wir auch darauf, dass wir unserem Publikum immer auch mal Autorinnen und Autoren vorstellen, die sie bisher nicht kannten.

Könnt Ihr das Stück dann noch unvoreingenommen genießen, wenn Ihr es am Hörkino-Abend noch einmal hört?

Beate: Charly hört alle Stücke vorher an. Ich moderiere die Features an und habe es früher so gemacht, dass ich sie vorher auch gehört und viele Notizen gemacht habe. Aber seit vielen Jahren mache ich es so, dass ich mir nur das Skript durchlese, dann schreibe ich die Anmoderation. So erhöht es die Spannung und wenn ich das Stück im Hörkino höre, ist das manchmal erstaunlich anders, als in der Schriftfassung.

Charly: Man hört ein Stück, und man hört es zum zweiten Mal und man hört es dann anders! Jeder Mensch hat so eine Art Tageslaune. Mir ist es schon passiert, dass ich ein Stück ausgesucht habe und dass ich dann beim Hören im Hörkino dachte: So toll ist es gar nicht. Ein Feature, das nicht so gut ist, kann super inszeniert sein, und davon lässt man sich beim ersten Mal Hören manchmal täuschen. Umgekehrt merkt man manchmal aber auch erst beim zweiten Mal, wie großartig dieses oder jenes Stück ist. Dazu kommt, man hört anders, wenn man mit 30, 40, 50 Leuten zusammen in einem Raum hört: Das Publikum reagiert, man lacht, stöhnt oder langweilt sich, oder was auch immer. Diese Reaktionen fließen dann am Hörkino-Abend mit ein!

Seit wir Jury-Mitglied für den „Debüt-Preis“ des Bremer Hörkinos waren, wissen wir das auch: Mehrfachhören ändert die Wahrnehmung. Habt Ihr ein Lieblingsstück über die Jahre, etwas, das Euch besonders in Erinnerung geblieben ist?

Beate: 14 Jahre Mal neun Stücke, also 126 Stücke hatten wir bisher im Programm. Ich nehme Stimmungen mit: Ob ich mit anderen zusammen gelacht habe, mich aufgeregt habe, berührt war. Manchmal habe ich Gänsehaut, weil es toll ist, sich mit anderen zusammen bewegen zu lassen. Deswegen freue ich mich immer noch auf jeden Hörkino-Abend. Und dann erinnere ich mich an Stücke, wo etwas Unerwartetes passiert ist, weil Gäste im Publikum saßen, die selbst vom Thema betroffen waren, weil sie zum Beispiel eine chronische Erkrankung haben, über die das Stück berichtet hat und die dann selbst erzählt haben. Ein Abend mit einer Autorin ist mir in Erinnerung, die über die Trauer um ihren toten Lebensgefährten ein Stück gemacht hat. Alle diese Feature, die nah dran sind, an existenziellen Erfahrungen, die nehme ich stark als Gefühl mit.

Charly: Ich habe tatsächlich ein Lieblingsstück, das wir im Hörkino vorgestellt haben und für mich ein unvergesslicher Abend wurde. „Spuren der Endlichkeit. Eine anatomische Annäherung an ein unverrückbares Phänomen“. Ein älterer Redakteur des ORF hat dieses Stück einer jüngeren Autorin, Tina Plasil, in Auftrag gegeben, die es, man könnte sagen, ohne Mitleid schrieb. Es geht um den natürlichen Verfall des Körpers. Ich fand diese nüchterne Beschreibung des körperlichen Verfalls großartig. Beate und ich haben das sehr diskutiert…

Beate: … ich wollte das Thema gar nicht nehmen, ich wollte es nicht so genau wissen. (lacht)

Charly: Und ich habe gesagt: Bitte, bitte lass es uns nehmen! Ich wollte wissen: Wie reagiert das Publikum darauf? Bei diesem Stück dauerte es ungefähr 20 Minuten. Dann begann das Publikum zu lachen. Es war wie eine Entlastung: Na klar, es ist halt so, man guckt irgendwann milder auf den körperlichen Verfall. Da waren wir uns dann fast alle sehr einig. Einige wenige im Publikum fühlten sich aber auch provoziert durch das Stück. Bei einem anderen Feature wussten wir, dass viele kommen werden, nicht nur, weil Loriot und Radio Bremen eine enge Verbindung hatten. Es war toll: „Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos.“ Da waren viele im Publikum, die kannten Loriot in und auswendig und waren sehr vergnügt. Man spürte den wunderbaren Humor von Loriot. Es kamen weit über 100 Leute. Wir mussten Leute vor der Tür stehen lassen, weil das Energiecafé voll war. Und wenn so viele Leute auf engem Raum zusammen hocken und lachen, ist das wunderschön.

Beate: Wir schauen ja nicht auf eine Leinwand oder auf einen Redner. Wir hören zusammen und schauen uns untereinander an: Da gibt es Mal ein Schmunzeln, oder ein Stirnrunzeln. Dann ist es wunderbar, wenn man zusammen über das Alter lacht, oder wenn man bei brisanten Themen, wie zum Beispiel über einen afrikanischen Warlord, zusammen kopfschüttelnd da sitzt und es nicht fassen kann, was man da gerade hört.

Auf der einen Seite sind die Feature und auf der anderen Seite die Autoren. Bereitet Ihr Euch auch auf die Autoren vor?

Charly: Entscheidend ist erst Mal das Thema und wie das Feature inszeniert wurde. Wir suchen ein Stück nie danach aus, ob eine Autorin oder ein Autor vor Publikum gut erzählen kann. Da lassen wir uns überraschen.

Beate: Wir sehen ja vorher die Fotos der Autoren, die wir für den Flyer anfordern. Da gibt es schon Phantasien: Der oder die ist bestimmt eloquent, kann gut erzählen. Und ich recherchiere vorher nur wenig, weil ich den Überraschungseffekt haben will: Welche Person kommt da? Es gibt die Diven, die Engagierten, die Introvertierten, die Vorsichtigen. Das ist spannend, wie viele verschiedene Persönlichkeiten Radio machen und wie sich die Persönlichkeit auch auf die Stücke auswirkt.

Charly: Das Autorengespräch nach dem Hören ist ein Geschenk. Man kann fragen, was immer man will. Aber es ist auch schon vorgekommen, dass niemand eine Frage stellt. Unser Alptraum! Und das ist dann mein Part: Ich habe immer einen Zettel voller Fragen, falls das Gespräch ins Stocken gerät oder erst gar nicht in Gang kommt. Aber in der Regel stellt unser Publikum viele Fragen an die Autorinnen und Autoren, kritisch und fair. Hörfunk-Autoren kennen ihr Publikum nicht, die arbeiten vor sich hin, die sind gar nicht gewohnt, dass ein Publikum mit echten Fragen da ist. Da ist es schon häufiger vorgekommen, dass Autorinnen und Autoren vorsichtig reagieren. Spannend wird es immer, wenn sie aus dem Nähkästchen plaudern und Geschichten erzählen, die sie im Stück nicht erzählen konnten.

Habt Ihr auch Stücke erhalten, die Ihr nicht vorführen wolltet, weil Ihr Angst hattet vor der Reaktion des Publikums?

Beate: Wenn wir das Programm zusammenstellen, überlegen wir: Was interessiert unser Publikum? Wir haben ja ein Stammpublikum und auch immer wieder neue Besucher. Wir können mittlerweile ganz gut einschätzen, welche Themen ziehen. Und natürlich schauen wir auch, was wir selbst spannend oder wichtig finden. Bisher hatten wir nichts, wo wir gesagt hätten: Das geht nicht, weil es zu brisant ist. Eher hatten wir schon mal den Gedanken, dass ein Feature zu langweilig sein könnte oder das Thema nicht interessant genug ist.

Charly: Vor allem Gesundheitsthemen funktionieren immer. Aber wir stellen bewusst auch Feature vor, wo wir wissen, da kommen nicht so viele, es müssen halt nicht immer 50 Besucher sein. Manchmal mögen wir ein Feature, weil es ungewöhnlich ist, oder weil wir denken, darüber müsste man mal nachdenken oder das ist eine Diskussion wert. Für uns ist es ein Glücksfall, dass der Sponsor uns die völlige Freiheit lässt.

Beate: Ein bisschen stolz bin ich auch auf unsere gute Nase: Wir haben oft Themen vorgestellt, die zu der Zeit noch nicht stark öffentlich diskutiert wurden und die dann kurze Zeit später sehr präsent waren. Zum Beispiel das Feature „Exil im eigenen Land. Myanmar aus der Sicht einer Rohingya Familie“ von Mandy Fox, das wir 2016 im Programm hatten oder das Feature von Christian Lerch „Papa, wir sind in Syrien. Joachim Gerhards Suche nach verlorenen Söhnen und heiligen Kriegern“, das dann im Herbst 2017 den Prix Europa gewonnen hat.

Charly: Wir muten dem Publikum ja auch einiges zu. Es gab ein Feature von Lorenz Rollhäuser, das wir gern vorgestellt haben: „Mutters Schatten – Kehraus im Elternhaus.“ Wir haben ein Stammpublikum, darunter war auch eine Gruppe von sechs älteren Frauen. Nach dem Stück waren sie so wütend, dass sie seitdem nie mehr ins Hörkino gekommen sind. Sie hatten den Eindruck, der Autor geht ungnädig mit seiner toten Mutter um. Aber wir wollen auch Kontroversen im Hörkino und Diskussionen anstoßen. Deshalb finden wir, das Publikum zu verschonen, wäre der falsche Ansatz.

Habt Ihr Wünsche an das Publikum?

Beate: Dass die Menschen im Publikum sich beteiligen. Das machen sie ja auch, das ist die Qualität des Hörkinos. Wir haben oft rege Diskussionen, kontrovers, ohne dass es ausfallend wird. Ich wünsche mir, dass es so bleibt.

Charly: Ich wünsche mir, dass man sich noch reger beteiligt. Manchmal erzählen mir Besucher danach, dass sie sich nicht getraut haben zu fragen, oder sie den Autor nicht verletzen wollten oder dass sie sich geärgert haben, weil sie das Feature nicht gut fanden. Es ist es auch wichtig zu hören: Das hat mich gelangweilt, die Dramaturgie war nicht besonders, der Inhalt zu wenig recherchiert. Oder auch, die Inszenierung war großartig, die Recherche hartnäckig und so weiter. Kritik können und müssen wir als Hörkino-Macher ertragen und Autorinnen und Autoren selbstverständlich auch. Also ich wünsche mir, dass sich unser Publikum traut, noch direkter Kritik zu äußern. Letztendlich profitieren Autorinnen und Autoren ganz besonders davon.

Rückblickend: Wie hat sich das Hörkino verändert?

Beate: Wir sind mutiger geworden, wir haben mehr Stücke ins Programm genommen, wo wir nicht wussten, was passiert. Und Charly hatte vor einigen Jahren die Idee, dass wir einen Journalistenpreis ins Leben rufen, den „Rüdi hört“. Das hat dem Ganzen ein Sahnehäubchen oben drauf gesetzt. Alle zwei Jahre zu sehen, wie viele gute Feature eingereicht werden, weil Autoren unsere Bronze-Skultpur von Rüdi toll finden. Und das Publikum verändert sich ab und an, es kommen auch immer mal jüngere Besucher. Das finde ich toll.

Charly: Das ist auch eine Aufgabe von uns, selbst flexibel zu bleiben. Nach vielen Jahren ist die Gefahr der Routine groß. Da sind wir auch auf Ideen von anderen angewiesen. 2016 haben wir den Feature-Debütpreis ins Leben gerufen, weil wir junge Autoren ins Hörkino holen wollten. Es gibt so wenige junge Autoren beim Feature. Einerseits können nur wenige vom Feature leben, das schreckt die Jungen ab, andererseits braucht es auch journalistische Erfahrung. Aber egal wie alt die Autorinnen oder Autoren sind: Feature ohne Leidenschaft geht gar nicht.

Beate: Wir hoffen natürlich, dass swb als Sponsor dabei bleibt. Ein großes Dankeschön für die vergangenen 14 Jahre. Solange wir die Möglichkeit haben, machen wir auch weiter.

Charly: Wir werden einfach mit dem Hörkino alt (lacht)

Zurück