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Berner Oberland

So, 03.03.2019

„Keine andere Hörfunkform berührt mich emotional so wie das Radio-Feature“

Gespräch mit Tobias Nagorny, neuer Feature-Redakteur bei Radio Bremen

Tobias Nagorny, 39, arbeitet seit knapp zehn Jahren bei dem kleinsten ARD-Sender, angefangen hat er bei NDR Info. Als Autor schrieb er für einige Öffentlich-Rechtliche Sender. Die Redakteursstelle seines Vorgängers Michael Augustin wurde umgewandelt in eine feste freie Stelle. Dennoch meint Tobias Nagorny, dass das Feature auch bei Radio Bremen eine Renaissance erlebt.

Was reizt Dich am Feature?

Als Autor und als Redakteur reizt mich beim Feature, das man unfassbare Möglichkeiten hat. Wir sind unglaublich mobil. Wir können mit dem Gerät durch die Welt reisen, ohne großes Gepäck und wir können auch einen eigenen Klangkosmos aufmachen. Wir können eine eigene Welt erschaffen und wir sind Erzähler, Regisseur und auch Toningenieur. Das ist eine so tolle Flexibilität als Macher mit grenzenlosen Möglichkeiten, seine Kreativität auszuleben. Wir können ohne großes Filmteam - im Grunde genommen zum Mond - reisen oder auf den Grund des Meeres. Es ist nur die Frage, wie wir es anstellen und wie wir es machen wollen. Auch aus Hörerperspektive ist das Feature wunderbar. Ich hab kein anderes Medium kennengelernt, in dem ich so drin versinken kann. Keine andere Hörfunkform berührt mich emotional so wie das Radio-Feature, also, dass man wirklich berührt wird von einer Geschichte. Wenn ich konzentriert und fokussiert höre, einer Geschichte folge, wenn ich die Stimmen der Menschen und einen guten Erzähler dabei höre, das kann ergreifend sein. Ich freue mich umso mehr, dass es zurzeit eine kleine Renaissance der langen Formate gibt.

Finden Feature, Hörspiele oder lange Sendestrecken wirklich wieder mehr Hörerinnen und Hörer?

Absolut. Ich beobachte das auch in meinem Freundeskreis. Früher habe ich die Leute genervt und gesagt: „Hör mal dieses oder jenes an.“ Die Leute waren aber noch gar nicht bereit, Sendungen länger zuzuhören. Und jetzt melden sie sich bei mir und sagen: „Mensch guck mal, das hab ich jetzt in der Audiothek gehört. Oder höre Dir das mal an.“ Viele entdecken gerade das lange Hören. Es ist nicht nur dieser große Podcast-Hype, der seit einigen Jahren existiert, sondern auch die Möglichkeit, dass man jetzt viele Features zeitautonom konsumieren kann.

Als das Internet aufkam, haben viele Stimmen schon den Tod des Radios vorausgesagt. Nun stellt man fest, das passt doch gut zusammen…

… und es passt in einer schönen Symbiose zusammen. Ich finde das lineare Programm sehr wichtig, also das analoge Radio bleibt notwendig. Doch nun kann ich ein Feature hören, wann es mir zeitlich passt. Ich kann einfach noch mal fünf Minuten zurückspulen, um es wirklich zu verstehen. Das ist eine Möglichkeit, die wir vor der Zeit des Internets nicht hatten.

Im Bremer Hörkino haben wir den „Kunstkopf-Mann“ gehört: Ein Mann zieht mit 120 Tonspulen und mit Koffern durch den Urwald in Amazonien. Eine irre Vorstellung in der heutigen Zeit. Wie erklärst Du Dir, dass diese Aufnahmetechnik, für das die Kopfhörer im Ohr selbst zum Mikrofon werden, sich bisher nicht wirklich durchgesetzt hat?

Ich glaube, das hat sich radiotechnisch lange nicht durchgesetzt, weil man sehr lange Zeit nicht mit Kopfhörern gehört hat. Aber wir haben auch immer wieder mal andere Kunstkopf-Produktionen gehabt - zum Beispiel im Hörspiel. Als in den 70er, 80er Jahren die Kunstkopftechnik ausprobiert wurde, hatte das Fernsehen eine noch viel größere Dominanz. Heute erobert das Radio den Raum wieder, so dass sich jetzt auch solche tolle Sachen durchsetzen können. (…) Ich glaube nicht, dass alles nur noch Kunstkopf-Stereophonie wird. Aber wenn man sich wirklich die Zeit nimmt, es genießt wie einen Spielfilm - dass man sich auf einmal zur Seite dreht, weil man es rascheln hört und wenn es aus allen Ecken zischt und man mitten im Amazonas ist – das ist eine Riesenbereicherung. Die Töne sind einfach fantastisch.

Man hört bei Dir die Begeisterung fürs Radio. Hast Du dennoch versucht, beim Fernsehen zu landen, weil man da eher Karriere machen kann?

Nie, überhaupt nicht. Also ich hab während des Volontariats bei Radio Bremen Fernsehen gearbeitet. Das waren tolle drei Monate, wir haben tagesaktuelle Filme für das Regional-Programm „buten und binnen“ gedreht. Ja, das hat mir unglaublich Spaß gemacht, aber ich habe nie wirklich den Impuls gehabt, dass ich zum Fernsehen gehen wollte. Ich war eigentlich von der ersten Minute an Radiomann und das wird wohl auch so bleiben.

Nun bist Du Nachfolger von Michael Augustin, der sehr lange das Radio-Feature bei Radio Bremen geprägt hat. Wenn man eine neue Stelle antritt, will man in der Regel neue Akzente setzen. Wie verändert sich das Feature-Programm durch Tobias Nagorny?

Ich bin jetzt erst seit Februar Redakteur im Feature, im Januar 2019 haben wir Michael Augustin in einer sehr schönen Feier verabschiedet. Wer die redaktionelle Ausrichtung von Michael Augustin kennt, weiß, dass das Feature-Programm der vergangenen Jahre literarisch geprägt war. Das hat er wunderbar gemacht. Ich kann mir aber vorstellen, dass ich in den nächsten Jahren das Feature, was die Themenfelder angeht, ein bisschen weiter aufmachen werde - von der Wissenschaft, über die Sozialreportage bis hin zur Literatur.

Welche Rolle spielen für Dich Themen mit Bremen-Bezug?

Das spielt schon eine Rolle, so viel kann ich schon verraten. Wir werden ein Feature über die Deutsche Raketenforschung und Wissenschaft machen. Darin blicken wir auf den ersten Moment nach 1945, als die Paperclip-Boys mit Wernher von Braun in die USA gegangen sind: Wie hat sich das in Deutschland entwickelt? Welche Rolle hat der Standort Bremen gespielt? Wir würden dann von der Vergangenheit in die Gegenwart reisen, bis hin zu den Mondplänen, die man ja vom ESA-Generaldirektor Jan Wörner immer wieder hört. Also, da spielt Regionalität eine immense Rolle.

In der ARD gibt es einen Hype um Radio-Serien. Welche Rolle spielt für Dich die Entwicklung von Serien-Stoffen bei Radio Bremen? Reizt Dich überhaupt das Serien-Format?

Wir werden uns definitiv Gedanken machen über Serien-Formate. Michael Augustin hatte ja letztes Jahr schon erste Versuche gemacht, mit Dorothee Schmitz-Kösters fünfteiliger Serie “Plötzlich Pole.” Wir arbeiten an Ideen und an einer Konzeption für eine Serie, abgeleitet vom Feature “Intensivstation Schule” von Jens Schellhass. Es ist oft auch das Prinzip: Erst mal entsteht ein Feature, dann guckt man, ob man daraus auch eine Serie produzieren kann. Bei Deiner Serie über Schorsch, an dem Medikamentenversuche in der Diakonie durchgeführt wurden, war es ja ähnlich.

Kann das Serien-Format neben dem Feature bestehen?

Definitiv. Man muss sagen, dass die großen ARD-Serien der vergangenen Jahre fast alle einen langen Vorlauf hatten. In den Projekten haben Autoren jahrelang recherchiert, gegraben, O-Töne gesammelt… Entscheidend für mich ist: Gibt es genug Erzählstränge? Trägt es für eine Serie? Was für eine Serie möchte man überhaupt machen? Ganz oft wird ja von der Vergangenheit in die Zukunft erzählt. Es wird nachgeforscht, wie ist es gewesen, bis heute? Man begibt sich auf Spurensuche. Das ist natürlich ein wunderbares Element, um den Hörer mitzunehmen. Aber es gibt natürlich auch ganz andere Ideen, was Serien angeht. Zum Beispiel: Man hat einen gewissen Erzählstil, man hat eine gewisse Machart und warum guckt man sich nicht einfach mal ein Thema in mehr oder minder abgeschlossenen Folgen an? Aus fünf verschiedenen Perspektiven? Eine Art Kaleidoskop mit einer Serie zu entwickeln, auch das wäre eine Möglichkeit. Es muss aber nicht immer eine Serie sein. Manchmal ist es ja viel schöner, eine Geschichte verdichtet in 53 Minuten zu erzählen.

Hast Du denn bei Radio Bremen für Serien auch einen Sendeplatz?

Na ja, es wird auch linear gesendet. So ist es ja nun mal. Also, da würde ich mir keine Sorgen machen. Wir haben den Sendeplatz am Samstag zwischen 18 und 19 Uhr. Man könnte beide Samstage in Folge nutzen, um eine Serie zu spielen. Wenn man das jetzt noch dichter beieinander haben mag, dann ist es bei uns auch möglich: Am Montagabend um 21 Uhr haben wir einen Sendeplatz, den wir uns mit dem Hörspiel teilen. Und der ist genau für solche Sachen da, so dass wir am Samstag sagen können: „Am Montag geht`s weiter.“ Und am Montag können wir sagen: “Am Samstag geht´s weiter.“ Diese Flexibilität finde ich ganz großartig. Da profitieren wir vom Feature genauso wie die Kollegen vom Hörspiel.

Magst Du den Sendeplatz – Samstag von 18 bis 19 Uhr - für das Feature bei Radio Bremen?

Ja. Ich finde, das ist ein Sendeplatz wo man oft einfach Zeit hat, Radio zu hören. Um diese Sendezeit kommt man möglicherweise grade wieder nach Hause, von den Aktivitäten, die man am Wochenende hat. Eine schöne Zeit, vielleicht bereitet man das Abendessen vor, ruht sich aus, bevor man abends wieder unterwegs sein wird. Also, für das Feature wirklich ein guter Zeitpunkt.

Für wie viele Eigenproduktionen reicht eigentlich Dein Budget?

Ich plane zwischen neun und zehn Eigenproduktionen dieses Jahr.

Ein klein wenig mehr als die Jahre davor?

Ich bin sehr froh drum. Das zeigt aber auch, dass diese lange Form ernst genommen wird und ich glaube, dass sie wieder viel mehr Beachtung findet, auch in den Sendern.

Vielleicht kommt es dem Feature und anderen längeren Sendestrecken entgegen, dass im Augenblick die Öffentlich-Rechtlichen Sender ihre Qualität nachweisen müssen. Steigt in den Chefetagen des Senders die Offenheit für mehr Feature-Sendeplätze?

Definitiv ja. Sonst hätten wir jetzt auch nicht die Entscheidung für mehr Eigenproduktionen.

Welche Bedeutung hat für Dich das ARD-Radiofeature?

Es bietet für Radio Bremen als kleine Anstalt eine großartige Bühne, auch weil unsere Stücke dann in der gesamten ARD gespielt werden. Ich finde das Konzept des ARD-Radiofeatures großartig, es ist aber auch eine große Herausforderung. Ich kann so viel sagen, dass das Thema, das wir jetzt grade planen, auf jeden Fall auch einen Bezug zu Bremen haben wird.

Du bist in der Jury des Debüt-Preises 2019 des Bremer Hörkinos. 17 Features wurden eingereicht. Wie war die Qualität?

Es war ein sehr, sehr großer Teil mit einem sehr hohen Niveau für Debüt-Produktionen, das muss ich wirklich sagen: klasse Ansätze, richtig gute Perspektiven auf Themen. Ausgezeichnet war das Feature, das den Preis bekommen wird: “Lärm in der Tiefe” von Brigitte Kramer. Das ist wirklich ein tolles Stück zum Hören, ein akustisch gutes Feature. Das ist ja erst mal ein Thema, das weitgehend unbekannt ist, der Unterwasser-Krach und was der anrichtet. Ein Thema, das eigentlich total exotisch und auch mutig ist. Das ist ein prima Beispiel, was Feature auch kann: unbekannte Themen in den Mittelpunkt rücken und reinhören in den Meeresgrund, mit Geräuschen, die Hörfunk so einzigartig machen.

Hören wir denn jetzt, nachdem Du Feature Redakteur geworden bist, noch den Autor Tobias Nagorny?

Ich werde nach wie vor Stücke machen, allerdings sehr reduziert. Ich bin der Meinung, dass Redakteure selbst mit dem Mikro draußen sein sollen. Dann haben sie ein sehr gutes Verständnis davon, was es heißt, Aufnahmen zu machen, zu recherchieren, Widerstände zu überwinden. Dann entwickelt man als Redakteur kein abgehobenes Verhältnis zu seinen Autoren.

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