Eva Schindele

So, 12.09.2010

„Es ist ein Skandal, dass Recherche so wenig wert ist“

Interview mit Dr. Eva Schindele

Sie gilt als Journalistin der deutlichen Worte. Sie bezieht Stellung und liebt brisante Themen. Das hat ihr verschiedene Preise eingebracht. Ein Gespräch mit der Dr. Eva Schindele über den Mut im Journalismus und den Wert der Recherche. Mit Downloads ihrer Feature/Artikel.

Sie sind eine streitbare Autorin. Wie viel Mut brauchen Feature-Autoren, wenn sie brisante Themen aufgreifen?

Eva Schindele: Das kommt aufs Thema an und wer sich von mir auf den Schlips getreten fühlt. Aber brisante Themen interessieren mich. Es ist spannend an Konfliktlinien zu erzählen, Missstände aufzudecken, auf Probleme hinzuweisen, vielleicht sogar Debatten anzustoßen. Der 100. Aufwasch von irgendwas interessiert mich nicht.

Womit ging es bei Ihnen los?

Mein erstes, damals noch spektakuläres, Thema im Medizinbereich fand ich 1983: über Samenbanken.

Da waren Sie vermutlich Pionierin des Themas?

Ja, ich war in Kalifornien und habe O-Ton Material mitgebracht von einer feministischen Samenbank und einer Nobelpreisträgersamenbank. Als ich zurückkam, wollte ich wissen, ob es Samenbanken auch in Deutschland gibt? Niemand sprach damals öffentlich darüber. Dabei gab es sie schon seit den fünfziger Jahren. Das zu recherchieren war spannend und ein Redakteur vom SWR hat mich damals sehr unterstützt, in dem er die Sendung von einer noch unbekannten Autorin gleich gekauft hat.

Mit welchem Feature haben Sie Wirbel verursacht?

Was heißt schon Wirbel? Für das Radio Bremen Feature „Der ewige Schlaf“ - ein Stück über das Sterben - bekam ich 1993 einen Preis. Viel beachtet wurden aber auch meine Recherchen zur Nazi-Medizin für eine Serie beim SWR und zu medizinethischen Themen – wie der Pränatalen Diagnostik und seinen Konsequenzen. Das Feature „Sein Kind zu Tode gebären“ (WDR) über späte Schwangerschaftsabbrüche löste viel Betroffenheit aus.

Womit sind Sie angeeckt?

Mein „Hormonkrimi“ (WDR), in dem ich zeigte mit welchen Strategien Pharmafirmen zusammen mit Gynäkologen die Wechseljahre zur Krankheit machten und viele Frauen in der Folge Hormonpräparate schluckten. Er wurde sehr unterschiedlich aufgenommen. Schließlich zeigte das Stück wie Pharmafirmen an dem Marketing mit dem Motto „Ewig weiblich“ verdienen unter Missachtung übrigens auch der Gesundheit der Frau. Schließlich erhöhen Hormonpräparate das Risiko für Brustkrebs.

Also gehört viel Mut dazu?

Da hatte ich schon manchmal Bedenken, wie weit ich gehen kann, ohne dass man verklagt wird. Aber die WDR Redaktion stand immer hinter mir. Das Feature über das Brustkrebs-Screening war für mich noch schwieriger, weil viele Frauen dafür eintraten und die wissenschaftlichen Fakten nicht hören wollten. Manche sagten, ich würde Frauen dadurch „indirekt“ umbringen.

Umbringen?

Ja, weil ich die Ambivalenz dieser Reihenuntersuchung aufzeigte und dass die Diagnostik auch Frauen schaden kann. Das war Anfang 2000 sehr unpopulär! Aber auch hier haben die Redaktionen hinter mir gestanden. Das ist für mich wichtig, mit Redakteuren und Redakteurinnen zu arbeiten, die hinter mir stehen!

Sie arbeiten seit über 30 Jahren mit Redakteuren zusammen. Gibt es einen Generationswechsel? Anders gefragt: Sind Jüngere weniger mutig als alte Hasen?

Die Leute für die ich arbeite, sind mit mir gealtert. Die Jüngeren favorisieren oft andere Themen, vielleicht suchen sie auch eher den Mainstream.

Welches Stück hat Sie am meisten bewegt?

Stücke bewegen mich vor allem, wenn ich tief einsteige. Wie etwa beim Thema Sterben oder Transplantation, da habe ich auf der Intensivstation ein paar Tage hospitiert. Oder als ich über das Schicksal von Menschen im Wachkoma und ihre Angehörigen recherchiert habe. Auch die Recherche über den Umgang mit Frühgeborenen hat mich sehr berührt. Mir ist es auch sehr wichtig, meinen Interviewpartnern und –partnerinnen gegenüber fair zu sein. Wenn man häufiger mit Jemandem spricht, entsteht eine Beziehung. Damit gilt es professionell umzugehen.

Hat Sie das schon mal davon abgehalten, über jemanden zu berichten?

Ja, immer wieder. Oder ich habe dann auch Wege gesucht, die Person zu anonymisieren, zum Beispiel Stimmen zu verzerren.

Welches Feature war aufregend, spannend?

Meine aufregendste Recherche war die über den europäischen Eizellenhandel. Dafür habe ich, zum Teil mit einer Kollegin zusammen, in Rumänien, Spanien und Großbritannien recherchiert. Immer wieder stieß ich an Grenzen. Wie kommt man an Eizellenspenderinnen ran? Wie an die Vermittler, meist Reproduktionsmediziner? Wer bezahlt die aufwändige Recherche? Mir ist es dann gelungen, die Frauenzeitschrift „Brigitte“ von dem Thema zu überzeugen. Auf deren Kosten konnte ich dann nach Rumänien fahren und über die skandalösen Zustände dort vor Ort exklusiv berichten. Später habe ich dann auch in anderen Ländern recherchiert und für den WDR ein Feature gemacht, das auch andere übernommen haben.

Ist das ein neuer Weg, dass Autoren selbst Kooperationen in die Wege leiten, um Feature zu finanzieren?

Unbedingt! Das versuche ich häufig. Aber es gelingt immer weniger, auch Geld für Reisen locker zu machen. Aber wie soll man sonst Interviews für den Hörfunk machen? Der Recherche wird zu wenig Wert beigemessen, das finde ich einen Skandal.

Welche Konsequenzen hat das für Sie?

Ich überlege mir heute besser als früher, was ich an Recherche leisten kann, damit ich nicht draufzahle. Die Honorare sind ja nicht so hoch. Früher habe ich eher nur nach Interesse entschieden. Ich bin zum Glück in einem Bereich tätig – Medizin, Ethik und Wissenschaft – in dem es noch Sendeplätze gibt und wo ich für verschiedenste Redaktionen arbeiten kann. Ich mach auch viele halbstündige Feature, zum Beispiel für den SWR, und versuche dann auch andere Rundfunkanstalten für das Thema zu interessieren.

Hat sich die Situation insgesamt verschärft?

Ja – es wird schwieriger, Kooperationspartner zu finden und Geld für die Reisekosten aufzutreiben. Aber wie ich Journalismus verstehe, lebt er von der guten Recherche – auch im Zeitalter des Internets. Es gibt aber auch unterschiedliche Auffassungen von einem guten Feature. Manche KollegInnen finden am wichtigsten, dass das Feature formal gut gebaut, ein kleines Kunstwerk ist. Klar sind formale Kriterien auch für mich wichtig. Mir gefällt beim Feature, dass ich ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen kann, zum Beispiel auch aus der „Ich-Perspektive“ wie beim Hormonkrimi. Eine fiktive Erzählerin berichtet von ihren Gefühlen als alternde Frau. Das ist eben so schön beim Feature: Man kann mit Formen spielen, aber das darf nicht auf Kosten des Inhalts gehen.

Haben Sie einen aufklärerischen Impetus?

Ja, das würde ich schon sagen. In bestimmten Bereichen der Medizin geht es mir darum aufzuzeigen, in welchen Abhängigkeiten sich die Medizin bewegt – nicht immer zum Wohle der Patienten, und welche Definitionsmacht über unser Leben sie einnimmt, aber auch welche gesellschaftlichen Folgen verschiedene Technologien, beispielsweise die Reproduktionsmedizin haben.

Und können Sie etwas bewegen als Feature-Autorin?

Vielleicht mal zum Denken anregen und Debatten anstoßen. Das ist dann schon sehr viel. Aber ich bin auch hier im Laufe der Jahre bescheidener geworden. Mit einem Stück allein geht das sicher nicht. Es ist der stete Tropfen… Wenn man eine bestimmte Haltung immer wieder begründet darstellt, wie etwa zum Mammografiescreening, bewirkt das schon was. Heute wird es viel kritischer gesehen, seitdem auch die Kehrseiten bekannt sind - nämlich viele zusätzliche Diagnosen, die Frauen unnötig zu Patientinnen machen

Kehren wir das Ganze mal um: Hat sich durch Recherchen Ihre Sicht verändert?

Im Laufe der Jahre sehe ich manche Themen anders. Ich war eine der ersten die über Reproduktionsmedizin in Deutschland geschrieben hat. Ich fand es damals problematisch, wie ein Kind im Reagenzglas entsteht. Heute ist es so normal geworden und ich bin in meiner Kritik zurückhaltender. Ich merke eine Gewöhnung an bestimmte Themen. Das erschreckt mich auch manchmal. So bin ich natürlich auch Zeitzeugin einer Entwicklung.

An eine Recherche, die meine Haltung verändert hat, kann ich mich gut erinnern. Da ging es um Kinder von Samenspendern.Vorher hatte ich nicht gedacht, wie traumatisch es für einen Menschen ist, wenn er erst im Erwachsenenalter hört, dass sein Vater nicht der leibliche Vater ist.

Wie wird sich die Feature-Landschaft verändern?

Soll ich mal düster prognostizieren? Es wird immer mehr Kooperationen zwischen Sendern geben, ohne, dass die Autoren und Autorinnen höhere Honorare bekommen. Sendeplätze werden weniger, das Honorar wird dadurch noch weiter sinken, die Recherche dadurch schlechter. Reisekosten werden nicht mehr übernommen, so dass man Interviews nur noch im Studio machen kann über Leitung. Aber es gibt auch Positives: Das Interesse von Hörern am Hörfunk – auch an langen Formen – hat zugenommen. Was dabei das Podcasting zukünftig für eine Rolle spielen wird – kann ich nicht beurteilen – aber ich glaube eine positive. Ob wir als Autoren daran partizipieren? Ich weiß es nicht.

Wünschen Sie sich mehr streitbare Kollegen unter Featureautoren?

Da kann ich wenig zu sagen. Journalisten und Journalistinnen haben unterschiedliche Interessen und sind oft auch Einzelkämpfer. Aber mehr Zusammenhalt würde unsere Positionen gegenüber den Redaktionen sicher stärken.

Ihr Wunsch an Redaktionen?

Dass sie die Reisekostenetats besser ausstatten und dass sie die Recherche mehr schätzen und honorieren.

Ihr Tipp für Feature-Kolleginnen und –Kollegen?

Das Wichtigste ist, sich nicht von einer Redaktion abhängig zu machen. Ich habe schon viele Redaktionen, Sendeplätze, Zeitungen, Chefredakteure untergehen sehen… Außerdem habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, auf verschiedenen Feldern kreativ zu werden: Bücher schreiben, Print-Veröffentlichungen, Veranstaltungsmoderationen…Und Vernetzung mit Kollegen finde ich wichtig.


Dr. Eva Schindele ist Sozialwissenschaftlerin, seit 1984 freie Journalistin, Mitgründerin des Bremer Medienbüros, Autorin für Hörfunk und Print. Außerdem schreibt sie Essays, Sachbücher und Broschüren. Sie entwickelte auch wissenschaftsbasierte Patienteninformationen, vor allem zum Thema Früherkennung. (Broschüre über Brustkrebsfrüherkennung, Broschüre zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs, PDF Dateien).

Preise: Hörfunkpreis der deutschen Wohlfahrtpflege 1993 und 2000, Juliane-Bartel-Preis 2004 (Niedersächsischer Frauen-Medienpreis) für das WDR-Feature »Hormonkrimi«

Mehr über Eva Schindele: www.bremer-medienbuero.de

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