Friederike Wigger

Do, 11.07.2013

„Wenn Du herum eierst, das merkt jeder Schauspieler“

Regisseurin Friederike Wigger über Prominente, über Teamarbeit und über die Kunst der Feature-Komposition…

Das Interview zum Anhören:

Was reizt Sie daran, Regie für Features zu machen?

Ich hatte ein literaturwissenschaftliches Studium, Slawistik und Komparatistik, das war zwar wunderbar, aber so ein Elfenbeinstudium, wo man eben liest und viel für die Schublade schreibt. Beim Radio-Praktikum fand ich es dann ganz toll, dass durch Texte ein so sinnliches Werk entsteht, wenn die Schauspieler aufgenommen werden und was dann passiert bei diesem Kompositionsprozess, wie aus Geräusch und Musik und Text und Interpretation der Schauspieler eine sinnliche Hörstunde wird. Das hat mich nicht mehr losgelassen, ich habe fast drei Jahre im SFB eine Assistenz nach der anderen gemacht. Ich hatte auch Glück, dass mir so eine Chance angeboten wurde.

Sind Sie beim Feature hängen geblieben?

Im Regie-Pool von Deutschlandradio mache ich alles: Literatur, Kinderradio mache ich sehr gerne und das künstlerische Feature, das sind dann die großen Stücke. Kurze Hörspiele mach ich, die 5-Minüter im rbb. Hörspiel mach ich leider nicht, da möchte ich unbedingt noch hin. Seit mehreren Jahren hab ich das Glück, dass mich auch andere Sender anfordern: Deutschlandfunk, HR, NDR, für den NDR arbeite ich regelmäßig, zwei Mal im Jahr, also für das künstlerische Feature.

Sie bekommen ein Feature-Manuskript zugeschickt, um die Regie zu machen. Was geht da in Ihnen vor?

Manchmal hab ich das Glück, wenn ich die Autoren schon aus anderen Arbeiten kenne und wir Vertrauen zueinander haben, dass ich die Vorab-Version bekomme. Dann werde ich auch öfter nach meiner Meinung gefragt: “Friederike, kannst Du sagen, was fehlt Dir da noch, wo würdest Du anders gewichten? Würdest Du was wegnehmen, was findest Du wichtig, was fehlt noch?“

Wenn ich das Skript lese, überlege ich oft schon: Wer könnte das sprechen? Bei großen Autorenparts im Feature als Erzählerrollen ist es in den meisten Fällen ja so, dass es die Autoren nicht selbst sprechen, sondern dass es Profis sind. Also wühle ich in meinem akustischen Gehirn: Welche Stimme hör` ich da? Höre ich eine Frau, höre ich einen Mann? Auch wenn ein Autor ein Mann ist, heißt das nicht, dass das männliche Schauspieler sprechen müssen. Manchmal ist es auch toll, wenn eine Frauenstimme durch das Stück führt, obwohl der Autor Emil Schlotterhose heißt. Es sind ja oft mehrere Ebenen bei den künstlerischen Features - eine Erzählerstimme, die durchführt, manchmal gibt es auch literarische Zitate, die eine Kunstebene, so eine flirrende Ebene, mit in das Stück bringen. Und wenn man dann mehrere Schauspieler hat, ist es wichtig zu überlegen: Passen die Stimmen zusammen, muss man Gegensätze bilden?

Wie wichtig ist Musik für ein Feature?

Ich bin eine, die wahnsinnig gerne mit bestimmten Musiken arbeitet, die Gefühle und Stimmungen transportieren, die manchmal auch ganz bewusst dagegen gehen sollen. Wenn etwa ein Feature von einer ganz unharmonischen, streitsüchtigen Familie handelt, kann es sein, dass ich Musik nehme, die genau das Gegenteil hat, um den Gegensatz noch mal zu betonen. Zum Beispiel bei dem Feature „Angelika – ein Kinderleben“, in dem es um ein Mädchen geht, das extrem Schlimmes in seiner Kindheit erfahren hat. Angelika hatte in ihrer Stimme so gut wie keine Aggressionen. Der Autor hat sie zum Erzählen gebracht und als sie so erzählt aus ihrem Leben, da dachte ich, wie bringe ich eine wütende Frauenstimme mit in das Stück? Das missbrauchte Mädchen Angelika hatte diese Wut nicht vordergründig in der Stimme und dann hab ich eine Musik gesucht, in der eine Frau schreit und wütet und ins Mikro „kotzt“. Die beiden Stimmen habe ich auch nie vermischt, sondern ich hab die wütende Frauenstimme immer reingebracht, wenn Angelika Gesprächspause hatte. Und das geht auch manchmal umgekehrt. Eine sehr aggressive Stimmung in den O-Tönen kann man manchmal konterkarieren durch eine hinreißende Geige. Also Musik ist für mich wichtig, es macht mir unheimlich Spaß zu suchen, ich habe inzwischen eine riesige CD-Sammlung.

Gab es auch Stücke, bei denen Sie sagten: „Das kann ich nicht machen, das langweilt mich, das gebe ich wieder ab?“

Gibt es. Ich gebe aber nie ab, denn ich lebe von Arbeit zur Arbeit und kann es mir nicht leisten, nein zu sagen. Aber na klar, es gibt Stücke, wo ich nicht so leicht einen Zugang finde. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich auch im Studio dachte: Oh, was ist denn das für eine Grütze? Wenn ich im Studio bin, langweile ich mich nicht. Die Studioarbeit ist ja auch deshalb so toll, weil es tolle Team-Arbeit ist mit den Toningenieuren und den Technikern. Und natürlich auch mit den Schauspielern, aber die gehen ja, wenn sie fertig sind. Für die Montage eines Features zusammen im Team den Rhythmus eines Stückes zu finden und zu entwickeln, das macht wahnsinnigen Spaß. Eigentlich ist eine Arbeit für mich nur dann mühsam, wenn ich mich mit dem Toningenieur nicht verstehe.

Autoren befürchten manchmal, dass Schauspieler zu viel Eigenleben in ihre Feature einbringen – zum Beispiel wenn man sich als Autor wünscht, dass der Text beiläufig, unspektakulär gesprochen wird. Schauspieler muss man ja in irgendeiner Weise führen. Wie war es für Sie als Regie-Neuling? Und wie ist es jetzt nach 15 Jahren Erfahrung?

Am Anfang hatte ich Respekt vor Schauspielern, den hab ich immer noch, aber damals hatte ich auch ein bisschen Angst. Da kommt dann jemand, der seit Jahren auf der Bühne steht und ich bin Klein-Friederikchen, die dem irgendwas erzählen muss. Das finde ich eine der schwierigsten Sachen bis heute. Als Regisseurin musst Du den Text wirklich verstanden haben, Du musst wissen, was Du willst. Wenn Du rumeierst, das merkt jeder Schauspieler und das merken auch die Toningenieure. Das ist für die gesamte Zusammenarbeit nicht gut. Es ist völlig okay, wenn Du als Regisseurin mal mit dem Toningenieur Dinge ausprobierst, Übergänge oder Musiken. Aber Du musst ein Gespür haben und Du musst wissen, was Du willst. Bis heute finde ich Schauspieler zu führen eine tolle, aber auch eine anspruchsvolle Arbeit: Ich bin ja auch im Regieraum, der Schauspieler spricht seinen Text, ich muss sofort, wenn ich ihn um Wiederholung bitte, wissen warum. Ich drücke auf die Regie- Taste und sage: „Das war schon gut, aber ich möchte das nochmal anders.“ Der Schauspieler will wissen warum und wissen, was er anders machen soll. Schauspieler wollen geführt sein. Ein Beispiel, das ich ganz schön fand: Da hatte ich den Schauspieler Ulrich Matthes, der ein wunderbarer, wahnsinnig schlauer und belesener Schauspieler ist. Ich hatte ihn für eine schwierige Literaturlesung. Also wenn Du nicht weißt, was du willst, dann lässt der dich auflaufen. Der ist sehr gut vorbereitet und der hatte dann eine große Text-Passage, die mit einer düsteren Form von Sexualität zu tun hatte und ich wollte eine spezielle Passage noch mal anders haben. Ich bat ihn darum und ich begründete das auch, aber nicht so dezidiert, und er sagte: „Warum? Warum soll ich das noch mal lesen?“ Dann dachte ich: Okay Friederike, jetzt musst Du einfach wissen warum. Und dann hab ich eben gesagt: “Ich möchte, dass eine Komponente noch drin ist, und das ist die Scham. Das hat ihn überzeugt. Aber wenn ich es nicht gut begründet hätte, hätte er gesagt NEIN. Er hätte alles ohne Fehler gelesen und dann wäre er gegangen.

Hat sich ein Schauspieler geweigert, den Text noch mal zu lesen?

Nicht bei mir, aber in meiner Assistenzzeit, oh ja. Da gab es mal richtig Krach zwischen Regie und Hauptdarsteller und der Hauptdarsteller verließ das Studio. Ja, das war wild. Die Rolle wurde dann umbesetzt. Ich bin nicht so ein Typ, der Recht haben muss. Ich würde wahrscheinlich einen Schauspieler mal nach Hause schicken, wenn der richtig böse frech werden würde … Aber, das ist noch nie vorgekommen.

Macht es für Sie einen Unterschied, mit einer Schauspielerin oder einem Schauspielern zu arbeiten?

Nein, das ist völlig egal, weil das ja völlig auf die Rolle ankommt und schwierige oder tolle Personen gibt’s in weiblich und männlich. Ich habe mal überlegt, ob ich mehr Schiss habe, einem Schauspieler was zu sagen, wenn der sehr berühmt ist. Richtig tolle Schauspieler, damit meine ich Leute wie Bruno Ganz oder Angela Winkler, oder Leute, die auf allen großen deutschen Bühnen gefeiert werden, die sind wahnsinnig nett und bescheiden und die arbeiten unheimlich gerne. Und wenn es um die Sache geht und man hat als Regisseurin die Sache im Griff, dann sind auch die ganz großen Namen zu einer super intensiven Arbeit bereit.

Ist es denn für Schauspieler attraktiv, für ein Feature oder Hörspiel ins Studio zu kommen?

Auf jeden Fall ja, wenn auch nicht lukrativ. Ein Schauspieler verdient an einem Drehtag viel mehr als beim Funk, aber die meisten Schauspieler lieben das Medium Hörfunk. Das ist eine sehr intensive, konzentrierte Arbeit. Es geht mal nicht ums Äußere, was für Schauspieler auch mal eine schöne Form von Ausruhen ist. Sie werden nicht angeguckt, es kommt grad nicht aufs Gesicht oder das Gewicht an. Ich arbeite sehr gerne mit dem Florian Lukas zusammen, einem erfolgreichen Filmschauspieler, der liebt Hörspiel. Der kommt auch für eine Kinderlesung zwischen zwei Drehtagen ins Deutschlandradio, weil es ihm wahnsinnig Spaß macht. Für Schauspieler ist es attraktiv im Feature zu sprechen, vor allem, wenn es große Rollen sind. Eine Erzähler-Rolle in einem Stück, wo du als Erzähler eine ganze Stunde den Hörer an die Hand nimmst und durchführst, das ist schwer. Das können auch nicht alle, das ist eine spezielle Fertigkeit. Es gibt einen Schauspieler, Henry Hübchen, der ja nun wirklich wunderbar ist im Medium Film und auf der Bühne, der macht kein Hörspiel und keine Lesung. Er sagt er kann das nicht und er ist da nicht richtig gut. Wir haben oft probiert, ihn zu kriegen, weil er super ist, grade auch für Stücke, in denen es ums Berlinern geht und um eine so eine herrliche Schludrigkeit. Und ich dachte immer, der Hübchen kann das. Aber wir kriegen ihn nicht, er kommt nicht. (lacht)

Im Feature stehen die Autorinnen und Autoren im Vordergrund. Haben Sie den Eindruck, dass im Feature die Regie unterschätzt wird?

Von den Hörern, die so ein Stück im Radio hören, sicherlich. Aber ich finde das nicht schlimm. Die Hörer hören das Ergebnis und wenn ein Hörer von einem Radiostück begeistert ist und eine Stunde in ein anderes Thema abtaucht, dann ist das gelungen. Regie wird nicht unterschätzt von den Machern, also von der Radiowelt, die uns Regisseure beschäftigt und die Leute, die sich im Genre auskennen. Mir ist wichtig, dass die Autoren meine Arbeit schätzen, ich möchte gern, dass die Autoren zufrieden sind mit den Ergebnissen. Ich bin unglücklich, wenn ein Autor nicht ganz fröhlich ist mit dem Werk, was ich ja dann gemacht hab. Ich hab ja seine Töne genommen und eine Radiostunde draus gemacht, mit dem Toningenieur zusammen. Das ist mir natürlich auch schon passiert, dass ein Autor sagte: „So glücklich mit der Stimme und der Musik bin ich nicht, ich hab mir was anderes vorgestellt.“ Das betrübt mich dann, ich will in keinster Weise dem Autor irgendwas kaputt machen. Beim Feature ist es so: Ein Autor arbeitet ein halbes Jahr, manchmal länger an so einem Stück, er hat es geschafft an Leute ranzukommen, was nicht einfach ist, er hat es geschafft, denen ein Mikro vor die Nase zu halten, hat sich viele Stunden, Tage hintereinander mit denen getroffen und hat ihnen Töne entlockt und dann ein Skript draus gebaut. Dann kommt die Regie als wesentlich kleineres Element am Ende dazu.

Viele Regisseure sind beunruhigt vor dem Abnahmetermin, wenn die Redaktion und die Autorin oder der Autor dabei ist. Wie ist es für Sie?

Ich habe Herzklopfen, ich bin immer aufgeregt. Und da kommt auch immer mal Kritik, damit muss man umgehen. Wenn Autoren bei der Abnahme nicht dabei sind und ich ihnen die die CD schicke, dann warte ich ungeduldig und bin gespannt. Ich freue mich wahnsinnig über Zustimmung, über Lob und über Freude. Im guten Fall kriegen die Autoren ja durch die Regie auch eine Art Geschenk, denn ihr Stück ist durch eine Phase gelaufen, die die Autoren nicht in der Hand hatten. Es kam auch mal zu einer Dissonanz zwischen mir und einer Autorin, die überhaupt nicht einverstanden war mit dem, was ich gemacht habe. Die Redakteurin dagegen fand es prima und das führte zu einem Zerwürfnis zwischen der Autorin und der Redaktion. Das ist in einem kreativen Prozess vermutlich nicht zu vermeiden… Es ging um Eltern, die ihre Kinder Woche für Woche aufteilen, die Kinder ziehen also jede Woche um. Und die Autorin fand diese Lösung ganz toll. Ich hab dann zwei Kinder eingebaut, als kleinen akustischen Faden - zwei Kinder, die immer eine Tasche ein und auspackten. Und immer wieder war der Reißverschluss zu hören, die Kinder haben fröhlich ein- und ausgepackt, das wollte ich nur reinbringen, ohne Wertung, dass die Kinder permanent packen müssen. Und das fand die Autorin ganz schlimm.

Was ist Ihnen mal in der Regie misslungen?

Bei einem Stück von Karla Krause über Eltern, die ihrer Kinder nicht lieben. Karla Krause ist eine super Autorin, sie hatte kleine, hörspielartige Szenen eingebaut, eine innere Stimme einer Frau, die eine Wochenbettdepression hatte. Da läuft man schnell Gefahr, dass das pathetisch wird. Ich glaube, dass das mir nicht so richtig gelungen ist, diese Pathetik zu umgehen. Und das hab ich bei der Produktion nicht bemerkt, weil ich dann so eine Idee hatte, in die ich mich unglaublich verliebt hatte, die ich mit dem Toningenieur verwirklicht habe, der auch Musiker ist. Wir haben aus Spieluhren eine Art Klangkunst gebaut, Klänge, die ich mit den inneren Monologen der Frauen verbunden habe, das bekam eine unheimliche Schwere.

Sie lieben es ja eher harmonisch - wie gehen Sie mit Kritik um?

(lacht!) Ja, was mach ich denn? Das Feature von Karla Krause wurde auf der Feature–Konferenz vorgestellt, das gesamte Auditorium hat da ordentlich gepoltert. Da muss man denn einfach sagen: „Es tut mir leid, hab ich in der Produktion so nicht gehört.“ Also, damit muss man einfach klar kommen. Es war sicherlich für die Autorin schwerer, die bekam da ganz schön was um die Ohren – und ich auch! Ich hab das Glück, dass das nicht so oft vorkommt. Ich glaube, wenn ich regelmäßig eins auf den Deckel kriegen würde, dann würde es mich betrüben. Du wirst immer mit Deiner Arbeit beurteilt. Und im Grunde genommen musst Du danach trachten, gleichbleibend kreativ und gut zu sein, um weiter als Regisseurin arbeiten zu können. Zum Beispiel lebe ich auch davon, dass Autoren mich gut finden und weiter empfehlen. Das ist sozusagen mein Brot. Der Anteil an Feature- und Hörspielproduktionen nimmt fast in allen Sendern ab. Bedroht Sie das? Klar, keine Frage. Ich habe aber das Glück, dass ich im Pool von Deutschlandradio bin. Ich bin an ein Haus als feste freie Mitarbeiterin gebunden. Ich habe zwei Kinder, die ich alleine ernähre, das ginge gar nicht anders.

Was finden Sie besonders reizvoll an einem Feature?

Die persönliche Geschichte, die wahre Geschichte. Und der subjektive Blick, dass ich durch ein Angucken von einem ganz kleinen Punkt einen großen Gesamtsachverhalt emotional verstehe. Nun sind die Features wahnsinnig verschieden, aber das reizt mich. Ich bin öfter durch künstlerische Feature stärker berührt als durch fiktive Hörspiele, Features sind eben Dokumentarfilme für die Ohren.

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