Helmut Kopetzky

Fr, 04.10.2013

Radio in der ersten Person oder die Fisch-im-Wasser-Methode Ein Werkstatt-Gespräch mit Helmut Kopetzky – 1. Teil

Helmut Kopetzky ist ein renommierter Feature-Autor. Er hat 40 Jahre Feature-Geschichte erlebt und mitgeschrieben. Jetzt sind seine „Radiojahre“, die bisher nur im Netz zu lesen waren, als Buch erschienen. Charly Kowalczyk hat Helmut Kopetzky in Fulda getroffen.

Das Interview zum Anhören:

In seinem Werkstattbericht „Objektive Lügen – Subjektive Wahrheiten“ verteidigt Helmut Kopetzky die subjektive Weltsicht der Autoren gegen die Verfechter einer verlogenen, weil unerreichbaren Objektivität. Anekdotenreich schildert der Autor seinen Weg von der kollektiven Utopie des Jugendfunks der frühen Siebziger Jahre zum selbstbewussten Radiomacher mit Name, Adresse und Geburtsdatum in der Königsdisziplin Feature. 379 Seiten Lesestoff (Textbeispiele, Notizen und Korrespondenzen) mit 65 Abbildungen – eine Audio-Biographie aus dem Verlagshaus Monsenstein & Vannerdat.

Du nennst Dein Buch „Objektive Lügen – Subjektive Wahrheiten“. Ein Titel, der bewusst provozieren soll?

Naja, ich kenne die Reaktionen auf das Mantra mit den drei Buchstaben I C H mittlerweile zu gut: „Ach Du schon wieder auf dem Ego-Trip!“ Das geht mir langsam auf den Keks, und ich provoziere ein wenig zurück. Irgendwie bin ich immer auf Abwehr eingestellt und möchte das doch gar nicht. Es gibt keinen Schriftsteller der Weltgeschichte, der es nötig hatte, sein ICH so zu verdrängen: „Ich bin das ja gar nicht.“ Im Gegenteil. Als Leser kann ich davon ausgehen, dass die eigene Biografie immer eine Rolle spielt – nicht 1:1 natürlich. Nur im Dokumentarischen hält sich dieser Ruf nach „Objektivität”. Allmählich wird das langweilig.

Als Feature-Autoren sind wir nun mal keine Fliegenbeinzähler; nicht „Dokumentaristen”, die versuchen, die Welt archivarisch zu fassen. Auch sind wir andererseits keine Hörspiel-Macher, die sich ihre eigene Wirklichkeit erschaffen. Kunst darf alles. Unsere Hörer haben das gute Recht, möglichst viel über eine Thematik, über einen Menschen, über einen Ort zu erfahren. Aber – und das ist mir eben wichtig: Wir können dies alles nur so erfahren, wie es diejenigen, die uns darüber erzählen, selbst erfahren haben.

Niemand kann behaupten, ein Ort, eine Person sei gerade so, wie es in diesen 55 Feature-Minuten zu hören ist. Das ist – etwas zugespitzt – die Lüge, die ich meine. Die subjektive Wahrheit ist natürlich auch nur in Anführungszeichen zu verstehen, denn Wahrheit in diesem Sinne gibt es ja auch nicht. Selbst wenn wir unsere dokumentarische Arbeit nur am Schreibtisch erledigen, ist es unsere Perspektive, die zählt: Wir wählen den Weg, wir wählen die Quellen.

Haben viele Autorinnen und Autoren zu viel Respekt, ja fast Angst vor dem ICH?

Ja. Aber ich verstehe das nicht. Denn wenn ich mit Leuten face-to-face zusammen sitze und irgendetwas erzähle, dann sitze ich da als Person, ich kann mich nicht … neutralisieren. Das wäre wie ein Schauspieler, der sich auf die Bühne stellt und sagt: „ICH BIN GAR NICHT DA.“

Es gibt aber die Scheu, sich selbst als Autor einzubringen…

Diese Scheu hat man uns so beigebracht! In der Schule hieß es – jedenfalls bei uns Nachkriegskindern: „Fange keinen Satz mit ICH an!” Damit hab ich heute noch Schwierigkeiten, ich versuche das ICH am Satzanfang zu vermeiden. Warum? Weil das große Ganze wichtiger ist als ich selbst? Es gibt angeblich Redakteure, die Autoren in ihrem eigenen Stück nicht dulden.

Mach` Dich weg….

Ja, schneide Dich raus! Ich höre das oft: „Du machst ja andauernd Hmmm, was soll das?“ Na gut, man kann es übertreiben, es kann auch störend und sehr eitel sein, wenn man immer zeigen will ICH BIN DA. Alles ist eine Frage des Maßes und der Ehrlichkeit. Aber das gilt auch umgekehrt: dass ich meine Anwesenheit nicht verschleiere. Die Zuhörer vermuten ohnehin, dass einer da ist, der das Mikrophon hält, und ich möchte, dass man das spürt.

Du nennst Dein Buch Werkstattbericht. Warum?

Das Leben ist ja nicht so gradlinig, dass man es wie ein Drehbuch erzählen kann. Die Ecken und Kanten sollten erkennbar sein. Das Problem bei dem Buch war, dass ich selbst von Anfang an nicht so richtig sagen konnte, für wen ich das mache. Und deswegen hab ich mir auch keinen Verlag gesucht, der von mir verlangt, dass ich ihm die „Zielgruppe” nenne. Das Ding war reif und musste ans Tageslicht. Ich hab so viele Notizen gemacht, ich hab jahrelang unbewusst dafür gesammelt. Im Keller lag das im Archiv, ich musste bloß zugreifen. Mir ging es darum, bestimmte Komplexe, wie zum Beispiel mein Leib- und Magenthema „Subjektivität im dokumentarischen Fach”, als Hauptthema herauszustellen –wer geht so ähnlich ran wie ich oder versucht es ganz anders?

40 Jahre Feature-Arbeit. Hattest Du auch das Gefühl, Du möchtest etwas hinterlassen - Dein Vermächtnis?

„Vermächtnis“ ist ein großes Wort. Aber diesen Drang hat fast jeder in meinem Alter, ich bin 73. Möglich, dass zu viel in dieser Art produziert wird, ganze Verlage leben davon. So vieles hast du angehäuft im Leben, das du weitergeben möchtest. Und du denkst: „Oh Gott, was mache ich jetzt damit, ich habe gar nicht mehr viel Zeit.“ Das ist doch eine Gemeinheit, dass alles irgendwann einmal unwiderruflich abbricht! Mit Gewinn verkaufen kann man so ein Buch natürlich nicht, das muss man sich leisten. Aber ich bin froh, dass meine Frau mitspielt und nicht sagt: „Das interessiert doch nur Verrückte wie uns!“ Sie denkt sich vielleicht, dass ich unleidlich werde, wenn das nicht gedruckt wird, was da aus mir raus will.

Ich habe es gerne gelesen, weil es anregend war, auch dass Du irgendwann dazu übergegangen bist, intuitiv an Dein Material ranzugehen.

Ich habe jedes neue Thema immer als Abenteuer empfunden, selbst Themen, die ich genau zu kennen glaubte, wie das Stück über den Beginn des ersten Weltkriegs - Langemark, Westfront. Das Feature hieß „In den Tod – Hurra!“ Ich hab ja noch die letzten Überlebenden auf deutscher und englischer Seite erlebt. Die waren alle schon über 80 Jahre, und das, worüber sie vor gut 30 Jahren erzählten, war der Höhepunkt ihres Lebens gewesen, im Guten wie im Schlechten.

Und wieder stapeln sich Bänder und Bücher über 1914 in meinem Büro für ein NDR-Feature mit dem Titel „Feinde wie wir“ – obwohl ich Heidrun und mir selbst doch versprochen hatte …

Das ist eben Abenteuer – sei es nur die Recherche am Schreibtisch, im Netz, oder seien es die großen Reisen. Wir waren ja viel unterwegs. Das fing schon bei der Vorbereitung an. Also: die Kassetten zurecht legen, die Labels aufkleben, wie viele Kabel, Batterien, Wörterbücher, Landkarten … Als wir nach Sibirien gereist sind, im Winter 84/85 an die zweite Transsibirische Eisenbahn, die Baikal-Amur-Magistrale, war die große Karte von diesem Sechstel der Erde genannt Sowjetunion oder auch „Das Reich des Bösen” vor uns auf dem Berliner Sisalteppich ausgebreitet, und wir zogen die Flugrouten und Eisenbahnstrecken nach und hörten beide schon so etwas wie einen Grundton, einen Generalbass der geplanten Sendung.

Hast Du vorher festgelegt, wen Du wann triffst? Oder hast Du alles auf Dich zukommen lassen?

Es gibt natürlich Adressen, wie Uri Avneri in Israel zum Beispiel, der mich natürlich schon als Mensch interessiert und den ich unbedingt aufsuchen wollte. Aber du bekommst natürlich bei jedem Thema viele Tipps, Geheimtipps sogar, und dann denkst du: Jetzt habe ich schon so eine lange Liste, die müsste ich jetzt abarbeiten. Das ist ein falscher Ansatz, denn ich will ja in die Wirklichkeit hineingehen, nicht in eine Liste. Ich hatte immer die Vorstellung von einem Fisch im Wasser – meiner Fisch-im-Wasser-Methode. Ich springe in einen Pool und schwimme zwischen den fremden Fischen umher, und ich gucke links und ich gucke rechts und sie kommen auf mich zu.

Erzähle mal ein Beispiel…

Wir haben eine Sendung gemacht über Jericho im Westjordanland, die „Hauptstadt der Ungeduld“. Wir wohnten also in dem wunderschönen „American Colony Hotel“ in Jerusalem, wo auch schon Hemingway gewohnt hatte (wo wohnte der eigentlich nicht?) Und dann hast du morgens die „Jerusalem Post“ auf Englisch gelesen – was an dem Tag ansteht, wo etwas passiert. Da haben wir gelesen, dass eine politische Aktion jugendlicher Thora-Studenten in Jericho gegen die geplante Übergabe der Stadt und einer uralten Synagoge an die palästinensische Verwaltung bevorsteht. Das wussten wir vorher natürlich nicht, das konnte in Berlin auch niemand wissen.

Also ins Taxi und hin! Wir stiegen in Jerichos kurzer Hauptstraße aus dem Fahrzeug. Ich hatte in so wichtigen Situationen immer schon vorher mein Gerät umgeschnallt und eingeschaltet, um nichts zu verpassen. Damals lief man noch mit Spulen-Tonbandgerät, Kopfhörern und ziemlich vielem Kabelgebammel herum. Es sah schon recht professionell aus.

Du hast noch nicht die Autotür zugemacht, da kommt ein Trupp smarter junger Leute auf dich zu, PLO-Aktivisten, Studenten, die eigentlich alle arbeitslos sind. Ein Straßen-Café ist ihr „Stützpunkt“. Sie laden dich zum Tee ein, und schon bist du im Thema. Klar – die Leute wollen was von dir, sie wollen dich als Sprachrohr benutzen, und du benutzt die Gelegenheit für dich, für deine Sendung – wobei du ja den eigenen kritischen Verstand nicht ausschaltest.

Nun sitzen wir mit den PLO-Leuten also zwei Stunden zusammen, wechseln Tonbandspule um Tonbandspule, und dann fragten sie, ob du ein Flüchtlingslager besuchen möchtest. Natürlich möchtest du! Wir fahren hin, es ist nicht weit. Wir besuchen Familien – PLO-Sympathisanten natürlich. Du bist mittendrin, wie ein Fisch im Wasser eben.

Ein paar Stunden später wollen wir die neue Moschee anschauen, die mit viel ausländischem Geld mitten in Jericho gebaut worden war. Da sind Leute von der Hamas. Sie führen uns herum, als würde ihnen das alles gehören, und schleppen uns dann zu einer Feier ins Kulturhaus. Auch der Termin stand in keiner Berliner Zeitung.

Sie bugsieren uns also in einen Saal, groß wie eine Turnhalle und voller Menschen, vor allem jungen Leuten, Frauen mit ihren blütenweißen Kopftüchern auf der Empore, Männer unten. Hitze – und erhitzte Gemüter. Parolen werden skandiert, die ich nicht verstehe. Gesänge, immer drängender und lauter, Trommeln wirbelten. Das Tonbandgerät läuft und läuft. Einer sagt: „You should go up on the stage – you are our honorable guest!“ Und wo möchte ich denn für die Aufnahme lieber hin als auf die Bühne neben den Imam, der da mit hasserfüllter Stimme redet, brüllt, unterbrochen vom Getrommel und den Sprechchören! Meine Kopfhörer haben mir längst gesagt, dass ich da hin will – ran an den Speck, den akustischen.

Ich habe mir die Aufnahmen der langen Rede später übersetzen lassen. Im Grunde läuft alles darauf hinaus, die Israelis möglichst bald ins Meer zu treiben. Später gibt es eine Theateraufführung, bei der ein israelischer Siedler auf offener Bühne kaltgemacht wird. Und alle sind begeistert, als er das Pappschwert zwischen die Rippen kriegt.

Und gar nicht so anders ergeht es uns ein, zwei Tage später bei den Siedlern. Sie zeigen uns live und in Echtzeit, wo die biblischen Szenen spielen, die ihnen das Recht geben, hier zu sein auf diesem Hügel über Jericho. Zum Beispiel den brennenden Dornbusch aus der Bibel, haargenau: „A bit more to the right – right there. You got it!“ Und das alles mit vollem Ernst. Als Reporter musst du mitmachen, du lässt dich treiben – mit interessiertem Gesichtsausdruck. Kein Ort für Debatten jetzt. Und so kam es, dass wir mit Siedlern anderntags in einem Protestzug durch das besetzte Ost-Jerusalem marschiert sind, mitten im Getümmel und schwer bewacht von israelischem Militär.

Mitgehen, Töne einsammeln, das heißt ja nicht, dass man deren Auffassung vertritt.

Ja, natürlich nicht, wir haben eigene Auffassungen. Es ist nicht nur die Pflicht der Berichterstattung, sondern es sind auch die physikalischen Umstände der Tonaufnahmen, nah dabei zu sein. Die Bedingungen sind komplizierter als beim Fernsehen. Mit dem Teleobjekt kannst du noch über 300 Meter hinweg spannende Nahaufnahmen machen, aber nicht mit dem Mikrofon. Du musst dort sein, wo „es“ passiert.

Mir fällt eine frühe Sache ein – ein Fernsehfeature über Freddy Quinn, den damals berühmten Schlagersänger. Ich habe eine Geschichte gemacht von einer Heimarbeiterin und ein paar ihrer Freundinnen, die gefühlsmäßig mit diesem Sänger verheiratet waren, in ihrer Fantasie mit ihm gelebt haben, Tag und Nacht. Und mit ihr bin ich dann nach Lübeck gefahren, zu einem Gastspiel des Sängers – zusammen mit den zwei kleineren Kindern, die sie immer mitnehmen musste, weil sie niemanden hatte, der auf sie aufpasst. Ich habe mit im selben Hotelzimmer übernachtet, um Standfotos zu schießen, wie sie ihre Kinder zu Bett bringt in dem billigen Hotel, weil sie für ein anderes kein Geld hatte. Im Nachhinein denke ich: Unglaublich! Das ging schon ein bisschen zu weit. Würde ich heute nicht mehr machen.

War es zu voyeuristisch?

Ich benutze nicht so gern das Wort „voyeuristisch“. Es klingt zu abfällig. Auch unsere Arbeit hat ja mit Hinsehen zu tun, akustisch und inhaltlich. Aber im menschlichen Sinn war das eine zu große Nähe. Marga, so hieß diese Mutter mit Vornamen, war eine Frau mit drei Kindern, die alle ein wenig aus dem Ruder liefen, und sie arbeitete Tag und Nacht in einem fürchterlich monotonen Heimarbeiter-Job. Ich würde nicht sagen, dass ich sie ausgebeutet habe, wir waren eigentlich damals befreundet, weil ich oft bei ihr zuhause war. Sie kam auch zu uns, als unser Sohn geboren wurde. Von Weihnachten 1976 haben wir noch Fotos, als sie zu Besuch waren.

Ich wollte wissen, wie es für die Kinder ist, die nichts mit dem Sänger anfangen können. Die Mutter ist verliebt in den Schlagersänger Quinn und gibt dafür ihr ganzes Geld aus. Er mag sie schon gar nicht mehr sehen, er sagt: „Was machst Du denn schon wieder mit Deinen Kindern hier?“ Sie hat Angst, dass er sie ausschimpft. Eine menschlich sehr komplizierte Situation. Und ich habe mich da rein gedrängelt.

Freddy Quinn passte nicht, dass ich mich für diese Art weiblicher Fans interessierte. Er hätte sich andere gewünscht und versuchte über den SFB-Rundfunkrat, die Ausstrahlung zu verhindern, weil er um sein Image bangte. Es waren ja alles vom Leben getretene Frauen. Die kannten einander. Sie alle liebten Freddy, und wenn er zu einem Gastspiel fuhr, etwa nach Norwegen, dann haben sie ihm einen Pullover gestrickt. Oder haben Geburtstagstorten gebacken. Das geht schon zu Herzen. Wobei diese Hardcore-Fans auch Konkurrentinnen waren. Jede wollte ihn ja für sich haben. Sie brauchten sich untereinander. Nur wer selbst so besessen war, konnte das nachvollziehen.

Ich habe den Film neulich an der Uni Potsdam vorgespielt; sah alles groß auf der Leinwand. Da lief es mir kalt den Rücken runter, ich dachte: „Mein lieber Mann! Diesem Elend so lang auf der häuslichen Mattscheibe zugucken“ (lacht). Trotzdem würde ich es nicht als Voyeurismus bezeichnen. Voyeurismus hat was mit Ausbeutung zu tun für eigene Interessen. Autoren machen es zwar auch für sich, aber dem Auftrag gemäß für das Publikum.

Du hast als Zeitungsreporter in der “Fuldaer Zeitung” begonnen, bevor es Dich nach Berlin zog.

Ich habe als Schüler der Fuldaer Zeitung angeboten, über irgendwelche Jazz-Konzerte in Frankfurt zu berichten, Duke Ellington zum Beispiel, und hab mir da meine 30 Mark verdient. Ja, ich habe eigentlich in der Zeitung schon angefangen featuremäßig zu arbeiten. Als damals der Bumerang in Mode kam, habe ich so ein Ding mit einem Fotografen ausprobiert, und als das Holz zurückkam, flog er uns natürlich an die Birne. Bei der Zeitung „DER ABEND“ sind wir später Gold graben gegangen, weil jemand erzählt hatte, dass er am Ufer der Havel einen Claim abgesteckt hatte. Da ist die halbe Redaktion mit Spaten losgezogen. Es war alles nicht so ernst. Aber da war schon die Tendenz, als Autor mit dabei zu sein – teilzunehmen. Beim „ABEND“ war ich u. a. für die Jugendseite zuständig. Ich hatte mich auf eine freie Feuilleton-Stelle beworben, als Spezialist für „Show und Unterhaltung”. Von beidem hatte ich nicht die geringste Ahnung. Ich wollte einfach aus der Kleinstadt raus. Hab denen alles Mögliche vorgeflunkert und den Job tatsächlich bekommen. Die haben wahrscheinlich auch niemand gekriegt für 900 Mark als Redakteur.

Wie alt warst Du da?

Das war 1968 und ich war 28. Da kam ich mitten in die „Studentenrevolte“. Ich wäre fast nach zwei Wochen wieder rausgeflogen, weil ich am Tag des Anschlags auf Rudi Dutschke mit meinem Deux Chevaux bei den Demonstranten war, die die Auslieferung der BILD-Zeitung blockieren wollten. Anderntags hat mich der Staatsschutz nach Tempelhof bestellt. Da konnte ich dann auf einem Foto sehen, wie sechs oder sieben Schutzleute versuchten, meine Ente wegzuschleppen. Das ging nicht so leicht, weil die Kiste eine besondere Radaufhängung hatte: Man hob das Auto hoch, aber die Räder blieben unten – wie bei einem Maikäfer. Das hat vor Ort eine große Gaudi ausgelöst, sie kriegten die Ente nicht weg. Mein Verleger hat mich dann rausgehauen, so konnte ich beim „ABEND“ bleiben. Das war eine tolle Zeit – gerade, wenn man aus der Provinz kommt. Meine erste Frau habe ich im Strahl von Wasserwerfern vor dem Amerika-Haus am Zoo kennengelernt. Wir waren beide pudelnass. Ich hatte eine kleine Studentenbude in der Nähe und fragte sinngemäß: „Hätten Sie Lust auf eine Tasse Tee?“

Wie bist Du dann zum Radio gekommen?

Beim „ABEND” hatte ich eine Kolumne eingeführt, die hieß „Plattentüte“, da wurde die neueste Popmusik besprochen. Eines Tages flog die Redaktionstür auf, ein junger Mann rauschte herein – es war der später sehr bekannte RIAS-Moderator Barry Graves – und sagte ungefähr, so eine Scheiße habe er schon lange nicht gelesen: „Wer ist das, der da gar keine Ahnung hat?“ Da hab ich den Finger gehoben. „Bitteschön“, sagte ich Kraft meines Amtes, „Machen Sie ‘s besser!“ Und das hat er dann eine ganze Zeit lang erfolgreich gemacht. Später bat ich drei Radio-Moderatoren von „SFB Beat“, einer beliebten aber keineswegs unpolitischen Popsendung, abwechselnd die Plattenkritiken für unsere Zeitung zu schreiben. Ulli Herzog, „Pfeifen-Lange“ und Hans-Dieter Frankenberg waren damals richtige Radiostars, sie bekamen bergeweise Fanpost. Und als einer von den Dreien fragte, warum ich nicht selbst für den Rundfunk arbeite, war es das erste Mal, dass mir so etwas überhaupt in den Sinn kam.

Dein Einstieg zum Radio war also rein zufällig?

Ja, zuerst beim Kinder- und Jugendfunk. Und nach ein paar Tagen wurde ich gefragt, ob ich einen Fernsehfilm machen möchte. Ich gab zu bedenken, dass ich noch nie eine Kamera aus der Nähe gesehen hätte, und der Redakteur sagte: „Die meisten hier auch nicht!“ So bin ich zum Fernsehen gekommen und hab den größten Teil der 70er Jahre parallel zum Radio Kinder- und Jugendfernsehen gemacht, später dann auch TV-Features und ein paar Sachen für die Reihe „Das Kleine Fernsehspiel“ im ZDF. Damals hatten die Sender noch ordentlich Kohle …

Warum bist Du dann doch mehr Radio- als Fernseh-Autor geworden?

Es war in den 70er Jahren, als ich gemerkt habe, dass die Herstellung eines Films ein sehr zäher Prozess ist, der einen womöglich mehr hemmt als beflügelt. Der technische Stab war groß, selbst bei Interviews waren wir meistens vier Leute. Und die Gewerkschaft hat sehr genau darauf geachtet, dass Arbeitszeiten eingehalten wurden. Das war so: Wenn du eine Szene in einem Spielfilm gedreht hast und viele Leute beschäftigt waren, und wir brauchten Sonne, dann haben wir rumgehangen und gewartet, dass die endlich wieder rauskommt. Sie kam auch kurz vor Fünf, prima, wir haben alle zusammengerufen, aber es konnte passieren, dass der Kameramann sagte: „Tut mir leid. Ich habe Feierabend.“ Das ist mir mehrmals passiert. Ich verstand das ja auch, die Leute waren fest angestellt, die konnten nicht immer so, wie sich das freiberufliche Regisseure ausmalten. Das führte dazu, dass ich mir selbst eine gebrauchte Kamera-Ausrüstung kaufte (ich blätterte auf den Schlag ein paar Riesen hin), weil ich dachte: „Wenn die den Hammer hinlegen, dann fang ich erst richtig an!“ Das war natürlich völliger Quatsch, weil das gar nicht vorgesehen war, dass sich da einer nebenher selbstständig macht. Diese Karriere ist dann auf elegante Weise dadurch zu Ende gegangen, dass eines Tages zwei Kriminalbeamte bei uns zu Hause auftauchten und die Geräte konfiszierten. Die waren irgendwo gestohlen worden, was weder der Gebrauchtwarenhändler noch ich wissen konnten.

Hat es Dich zum Radio gezogen, weil Du der Film-Teamarbeit überdrüssig warst? Oder war es eine Entscheidung für das Medium Rundfunk?

Beides. Ich hab erst später gemerkt, dass mich am Hörmedium besonders die abstrakte Komponente reizt. Das heißt, die Person, die ich aufnehme, ist für den Zuhörer äußerlich nicht festgelegt, so dass er schon bei ihrem Anblick Aversion oder Zuneigung empfinden könnte. Er konzentriert sich auf das, was der unsichtbare Mensch zu sagen hat. TV-Bilder sind zunächst nur Oberfläche, die ich durch immer rasantere Schnitte nur drei Sekunden oder weniger pro Einstellung betrachten darf. Fernsehen – ich rede von der täglich erlebten Praxis – ist ein ungeheuer invasives, dominantes Medium. Das Radio gibt mir größere Freiheiten. Jeder Mensch wird beim Zuhören andere Bilder produzieren. Das ist, was ich daran besonders liebe – genauso wie die Schwarz-Weiß-Fotografie im Gegensatz zu Farbbildern. Als Radioautor konnte ich aber auch viel eher … Autor sein. Mit meinem eigenen Arbeitsgerät war ich unabhängiger – mehr wie ein Schriftsteller der alten Schule mit seinem Füllfederhalter.

Waren Aufnahmegeräte damals nicht sehr teuer?

Das stimmt schon. Aber wenn Du Musiker bist, hast Du auch deine eigene Geige und leihst dir nicht vor jedem Konzert eine andere aus. Ich hatte jetzt die Möglichkeit, spontan zu reagieren. Das Gerät hing bei mir am Kleiderhaken, ich brauchte es nur zu nehmen, und ab ging die Post. Aber ich hatte nicht nur die technische Freiheit, sondern auch die inhaltliche – mehr als beim Fernsehen. Man zieht los und weiß nicht immer, was passieren wird.

Manchmal gehe ich irgendwo hin, notiere ein paar Sachen, und es hat keinen Sinn, etwas aufzunehmen. Das andere Mal ist es umgekehrt. Oft, besonders auf Reisen, ist meine Frau dabei. Hinterher erzählt mir Heidrun genau, wie jemand auf sie gewirkt hat, wie er oder sie ausgesehen hat und so weiter. Meine Erinnerung an Äußeres ist viel zu ungenau. Ich habe immer mehr gehört als gesehen.

In der früheren Sowjetunion war es zum Beispiel wichtig, welche Gerichte in welchem Ambiente wir zu uns nahmen. Uns Berichterstatter versuchte man ja regelmäßig mit sehr gutem Essen und Wodka zu erschlagen, damit wir nicht zu neugierig wurden. Heidrun hat immer aufgepasst, dass die kritischen Fragen nicht zu kurz kamen. Wir sind nachher dazu übergegangen, selbst zu produzieren. Seit etwa 1981/82 haben wir fast jede Sendung technisch hergestellt, davon 15 Jahre lang analog, mit Magnetband. Auch im eigenen Studio hatte ich die Freiheit als Radio-Autor. Ich konnte mitten in der Nacht aufstehen und ein Band schneiden, weil ich dachte: Jetzt will ich aber wissen, wie das klingt.

Das längste Format, das wir uns zumuteten, waren die „Radiotage“ des Hessischen Rundfunks, zum Beispiel „Ein Tag in Europa“ 1999 – 16 Stunden lang reiner O-Ton aus 33 Ländern. Soundscapes, dem Uhrzeiger folgend. Keine Übersetzung. Das Programm, an dem wir fast ein Jahr lang arbeiteten, begann am Morgen mit einer langen, sehr stillen Passage, zwölf Minuten – kein Voice-over-Kommentar! Zu Anfang sagte ein Moderator nichts weiter als: „8 Uhr 5. Beim Schlagen der Toaca erwacht das Frauenkloster Varatec im nordöstlichen Rumänien. Es ist Winter, acht Grad unter Null. Der Schnee hart gefroren“. Und das reichte, um die Geräusche zu identifizieren: Wie die Frauen durch den hart gefrorenen Schnee zur Morgenmesse stapfen, auf ihr Klangholz schlagen, durch die knarrende Eichentür in die Kapelle huschen … Man hörte sogar das Geräusch ihrer Wollröcke.

Natürlich lauert in dieser Methode auch eine Gefahr. Ich will so wenig Text wie möglich verwenden, die Töne „selbst sprechen“ lassen. Doch manchmal reden sie zu ungenau. Die Aussage bleibt ambivalent. Mit der Zeit habe ich gelernt, den O-Ton „abhängen“ zu lassen wie geräucherten Schinken. Am besten, ich höre meine Aufnahmen drei oder vier Wochen überhaupt nicht mehr, so dass sie mir fremd werden. Es kann sein, dass ich den O-Ton, der an meiner Stelle reden sollte, selbst nicht mehr verstehe. Und was machen Zuhörer dann mit diesem Knarren, Schaben, Knirschen? Dann brauche ich einen kleinen Text. Manchmal genügt nur ein Wort.

Fortsetzung folgt
Über seine Zusammenarbeit mit Redaktionen, frühe Treffen mit DDR-Kollegen, seine Sicht auf Techniker und seine Leidenschaft für neue Technologien erzählt Helmut Kopetzky im 2. Teil des Gesprächs.

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