Marie von Kuck
Haus 19
Haus 19

Sa, 14.03.2020

„Ich betrachte meine Arbeit als Brückenbau“

Gespräch über eine mühevolle und mutige Recherche über eine Verwahranstalt in der DDR

Die Autorin Marie von Kuck lernte 1990 bei einem Job als Hilfskraft die psychiatrische Kinderstation in Altscherbitz bei Leipzig kennen, damals noch eine Verwahranstalt. Sie hatte diese Zeit nie vergessen. Bei der Suche nach den Kindern von damals stieß sie auf eine Mauer des Schweigens. Nach fast fünfjähriger Recherche ist ihr Feature „Die Kinder von Station 19. Auf der Suche nach den Opfern einer Verwahrpsychiatrie“ im Deutschlandfunk gesendet worden. Ein Gespräch mit der Autorin über die Anstrengungen einer aufwändigen Recherche.

„Februar 2015. Jede Nacht träume ich den gleichen schrecklichen Traum: Ich stehe in einem Raum, der vollgestellt ist mit metallenen Gitterbetten. Eins am anderen. Darin sitzen Kinder. Kleine, auch größere. Wie in Trance schaukeln sie ihre kleinen Körper. Vor- zurück, vor- zurück. Endlos. Eines kreischt wie ein Tier. Schlägt sich die Hände ins Gesicht. Reißt sich Haare aus. Schlägt den Kopf gegen die Gitterstäbe seines Bettes. Andere liegen reglos, stumm und mit leerem Blick auf ihren Matratzen.“

So beginnt Dein Feature „Die Kinder von Station 19. Auf der Suche nach den Opfern einer Verwahrpsychiatrie“. Auf welche Schwierigkeiten bist Du bei Deiner Recherche gestoßen?

Marie von Kuck: Es ist ein Thema, das Schuld suggeriert. Das macht es schwierig. Viele Zeitzeugen arbeiten noch immer dort und haben eine begründete oder auch unbegründete Angst, dass sie Nachteile haben, wenn sie mit mir über die damalige Zeit sprechen wollen. Hinzukommt, dass die Klinik am Rande der Stadt ist und die Angestellten aus den umliegenden Dörfern kommen und sich untereinander kennen. Deshalb können sie kaum anonymisiert werden, denn sie würden sich sofort an der Stimme erkennen. In der psychiatrischen Klinik arbeiteten oft ganze Familienverbände, und das seit Generationen. Gemeinschaften, die miteinander verwoben sind und wenn einer etwas sagt, spricht er vielleicht unvermittelt über einen anderen. Die Verstrickung untereinander macht es unglaublich schwer, offen zu reden.

Wie lebten denn die Kinder der Station 19? Gibt es einen Grund, dass Schuld für die Beschäftigten eine Rolle spielt?

Was man dafür wissen muss: Es gab in der DDR – und auch in Altscherbitz - eine Art Zwei-Klassen-Psychiatrie. Das heißt: Es gab eine Reform-Psychiatrie-Bewegung mit sehr engagierten, großartigen Ärzten und Therapeuten. Es gab da ganz fantastische Kinderstationen mit modernen Therapien, Beziehungsangeboten und sehr kreativen Ideen – wirklich ganz, ganz toll. Auch aus heutiger Perspektive. Und daneben gab es die „Pflegestationen“. Dort herrschten Zustände wie im 19. Jahrhundert. Der Kontrast hätte kaum größer sein können. Das machte das Unrecht auch damals schon deutlich sichtbar. Station 19 war so eine Pflegestation. Dorthin kamen Kinder, die als „nicht förderfähig“ eingestuft worden waren, die pflegebedürftig waren, Behinderte. Für die war Menschlichkeit offenbar nicht vorgesehen. Die Kinder von Station 19 lebten wie Tiere. Das ist ein Vergleich, der nicht von mir stammt. Beinahe jeder und jede der Zeitzeugen, mit denen ich sprach, verglich diese Kinder mit Tieren. Stell dir einen Raum voller Käfige vor. Metallene Gitterbetten mit überhohen Gittern. In jedem ein Kind. Manche zusätzlich angebunden, so dass sie nicht rausklettern konnten. Und wenn sie mal für ein paar Stunden am Tag aus ihrem Bett kamen, dann war das kaum besser. Die Station haben sie kaum je verlassen. Die Welt vor der Tür kannten sie nicht. Eine liebevolle Beziehung, Körperkontakt, Trost, Vertrauen, ein soziales Miteinander oder gar Förderung – all das gab es nicht. Ich musste immer an Kaspar Hauser denken, diese historische Figur, die als Kind ohne menschlichen Kontakt in einem dunklen Raum aufwuchs. Die meisten dieser Kinder hatten keinen Kontakt mehr zu ihren Familien und die wenigsten konnten sprechen.

Es gab also keinerlei Transparenz. Der Gewalt war Tür und Tor geöffnet. Dazu kam: auf solchen Stationen wie der 19 zu arbeiten, galt als Strafe. Dort waren Pflegekräfte eingeteilt, die auf anderen Stationen als nicht tragbar galten. Die Kinder wurden mit Psychopharmaka abgefüllt. Als Strafmaßnahme gab es Spritzen, Zwangsjacken, Essensentzug und eine fensterlose Kammer, in die die Kinder stundenlang nackt eingesperrt wurden. Was dort im Einzelnen geschah, ist nicht mehr aufzuklären. Aber die meisten der damaligen Kinder zeigen noch heute Zeichen gravierender Traumata. Das Leben, das „Vegetieren“ der Kinder auf Station 19 war aus heutiger Sicht und auch damals ein kaum zu ertragender Anblick.

Vielleicht wollen die Beschäftigten nicht, dass etwas von der Verwahrpsychiatrie in Altscherbitz nach außen dringt?

Ich höre immer wieder, dass sie niemanden in die Pfanne hauen wollen. Eine hat sofort gesagt: „Ich mach da nicht mit. Wenn ich mit Ihnen spreche, dann sag ich die ganze Wahrheit.“ Dann hab ich sie ohne Mikrofon gefragt, was sie mit der ganzen Wahrheit meine? Es sei schlimm gewesen. Was war schlimm? Ihr Arbeitsverhältnis? Die Zustände? Ob sie die Patienten damit meine? Ich spürte ihre Angst und Ambivalenz. Sie wollte reden, fing an zu erzählen und unterbrach sich abrupt. Da müsse sie doch vorher die Klinikchefin fragen, ob sie sprechen darf. Ich hab ihr angeboten, sie könnte mir auch anonym erzählen. Sie hatte einfach Lust zu erzählen und das ist ja eine große Chance, über diese vergangene Zeit zu berichten. Ich kann aus einem Mann eine Frau machen und aus einer Frau einen Mann. Wir können ihre Stimme nachsprechen lassen. Ihren Namen ändern. Sie an einen anderen Ort versetzen. Aber das wollte sie alles nicht. Es war ihr ein dringendes Bedürfnis, der Klinik gegenüber loyal zu sein. Sie sagte dann ab, mit der Begründung, dass die Klinikchefin unser Interview verboten habe.

Ist es die Angst vor den Kolleginnen und Kollegen? Oder fürchten sie eher die Klinikleitung?

Ich weiß es nicht genau. Meine Interpretation ist: Es ist die Angst vor Nachteilen. Die leitende Chefärztin ist seit zig Jahren an dieser Klinik und war sogar selbst einige Jahre für Station 19 mit zuständig. Es ist wirklich wie ein kleines Dorf, ein in sich geschlossenes System. Es gibt eine ganz große Befürchtung, dass, wenn man über Zustände spricht, man jemand anderes schuldig spricht. Schwierig, eine andere Meinung zu äußern, wenn man abhängig beschäftigt ist. Haben wir damals die Kinder schlecht behandelt? War es wirklich notwendig, sie zu fixieren? Haben wir sie manchmal auch geschlagen? Also die fatale Sache mit der Schuld. Aber darum geht es mir in meinem Feature wenig. Ich möchte eine differenzierte Darstellung von allen Seiten hören, aber in den Köpfen der Beschäftigten ist die Sache mit der Schuldzuweisung. Die Leute glauben, dass sie schuldig gesprochen werden und möchten nicht in die Öffentlichkeit.

Bist Du auch auf der Suche nach ehemaligen Beschäftigten, die nach der Wende weggezogen sind und vielleicht deshalb freier erzählen können?

Wer verrät mir diese Zeitzeugen? Schon daran scheitert es. Darum bitte ich immer: „Vielleicht kennen Sie noch jemanden, der etwas zur Geschichte beisteuern kann?“ Und dann kommt aber nichts mehr… Ich glaube in dieser Klinik gibt es, ich hätte jetzt fast gesagt, das Wendetrauma. Es ist dieser Wendebruch, die Wendeverletzung, die viele im Osten in sich tragen. Da gibt es ein ganz großes Misstrauen, dass ihre Mühen vor der Wende nicht gewürdigt werden. Wenn alle nur über das Grauen reden, das den Patienten widerfahren ist, dann würde untergehen, unter welch schwierigen Bedingungen sie damals gearbeitet haben. Man könnte auch sagen, sie haben den Eindruck, ihre Leistungen finden keine Anerkennung und das schmerzt.

Wenn man in Verwahranstalten in der alten Bundesrepublik recherchiert, stößt man häufig auf allen Ebenen auf großes Schweigen, egal ob es um sexuelle Missbräuche, um körperliche- oder medikamentöse Gewalt geht. Es ist also kaum anders als in Altscherbitz. Wie hast Du versucht, dennoch Menschen zu öffnen, um zu erfahren, was mit den Kindern geschehen ist?

Ich biete den Leuten immer ein Vorgespräch an. Dort sage ich ihnen, was ich vorhabe und wofür die Sendung gut sein soll. Das ist mein Zauberschlüssel. Wenn ich sage, „Darf ich Sie dazu interviewen“, sagen sie sofort nein. Aber wenn ich sage, „Können wir uns mal über mein Vorhaben unterhalten?“, da gibt es relativ oft ein Ja. Das kommt eher von Zeitzeugen, die nicht mehr in der Klinik arbeiten, die kurze Zeit dort waren, das waren häufig Praktikanten oder Zivildienstleistende.

Was mir bei der Recherche aber vor allem geholfen hat: Ich bin selbst Ossi und ich hab in der Psychiatrie gearbeitet. Ich weiß, wie schwierig es ist, mit diesen sehr anstrengenden Patienten zu arbeiten. Und wenn die Leute merken, da ist jemand, der kennt die Konflikte zwischen Gewalt und nicht Gewalt, wenn sie spüren, dass ich mich auch mal auf ihre Seite stelle, dann schafft es Vertrauen. Einige wenige haben dann ja auch gesprochen. Aber nur eine einzige der Krankenschwestern brachte letztlich den Mut auf, sich meinem Interview zu stellen. Sie war sehr wichtig für mein Stück.

Wie hat die Leitung der heutigen Klinik reagiert?

Ich glaube, erfreut waren sie nicht. Also jedenfalls hat man mich dort nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Aber Altscherbitz ist heute ein Landeskrankenhaus und kann sich so einer Recherche nicht allzu gut entziehen. Aber man sagte mir zum Beispiel, dass das Beschaffen der Genehmigung vom sächsischen Sozialministerium sehr aufwändig und kompliziert wäre. Ich musste wochenlang auf Antworten warten. Ich bot ihnen an, selbst beim Ministerium in Dresden um eine Erlaubnis zu bitten. Das wollten sie nicht. Ich nehme an, das war ein Versuch, mich los zu werden. Insgesamt gab es mir gegenüber ein spürbares Misstrauen. Vielleicht ja auch zu Recht. Was will diese Journalistin mit dieser Geschichte? Wird wirklich differenziert betrachtet oder landet hier die nächste Verletzung? Sie haben ja auch viel zu verlieren. Ganz wichtig bei dem Thema: Wie schützen wir unsere Patienten? Wie ist es mit dem Datenschutz? Die Menschen, von denen wir reden, können nicht sagen, ob sie da mitmachen wollen. Wir sprechen aber über ihr Schicksal.

Hast Du manchmal gedacht, dass so eine Recherche in einem Team besser wäre?

Das wäre eine riesige Arbeitserleichterung. Alleine vor dem Berg zu sitzen, Mittel und Wege zu finden, um Protagonistinnen und Protagonisten zu finden. Zeitzeugen zum Sprechen zu bewegen, in Archiven zu wühlen und dann noch die Suche nach Dokumenten, nach Akten. Ein Team wäre ein Ideen-Pool, der Austausch wäre inspirierend. Aber was mir besonders wichtig wäre ist, die Verantwortung zu teilen, denn die alleinige Verantwortung stresst: Eine Wahrheit ans Licht zu bringen oder eine Sicht der Dinge, die noch nicht ans Licht gekommen ist, oder die noch keine Beachtung gefunden hat. Doch welche Wahrheit ist jetzt die Wahrheit? Das heißt, es braucht da Gerechtigkeit, dass wirklich jeder da seine Perspektive darstellen kann. Die Menschen müssen geschützt werden, und dennoch muss aufgeklärt werden.

Was wäre im Team schwieriger?

Man muss den gleichen Ethos haben. Man hat ja Macht in der Hand, wenn man recherchiert und veröffentlicht. Und das ist dann geballte Macht. Man muss im Team noch sehr viel mehr aufpassen, dass man unparteiisch bleibt. Ich hab mal mit einer Kollegin zusammengearbeitet, da wurde das manchmal wirklich kritisch. Wenn ich alleine bin, bin ich jedenfalls demütiger.

Das Feature „Die Kinder von Station 19. Auf der Suche nach den Opfern einer Verwahrpsychiatrie“ wurde vor kurzem im Deutschlandfunk zum ersten Mal gesendet. Welche Reaktionen hat es darauf gegeben?

Bisher gab es ausschließlich Dankbarkeit. Ich habe sehr berührende Zuschriften von Eltern und Angehörigen bekommen, aber auch von Menschen, die mit der Materie eher nichts zu tun haben. Ein Professor, der früher schon mal versucht hatte, zu dem Thema zu forschen, aber immer am Widerstand der Anstalten gescheitert war, will jetzt einen neuen Versuch starten.
Ich betrachte ja meine Arbeit als Brückenbau - ich habe Kindern von Station 19 eine Stimme geben können, das macht mich wirklich sehr glücklich. Die Botschaft, die im Feature von den Kindern selbst kommt: ihr unglaublicher Lebenswille, ihre Lebensfreude, ihre erstaunliche Fähigkeit trotz allem weiter zu machen, Leben nachzuholen, Glück nachzuholen, Genuss nachzuholen, - das ist einfach mitreißend. Ich glaube, es ist schwer, sich davon nicht anstecken zu lassen. Und was mich ganz besonders gefreut hat: auch die mutige Krankenschwester, die beim Feature mitgewirkt hat, hat mir eine bewegte Dankesmail geschickt. Sie hat ihren Mut also nicht bereut. Aus dem Krankenhaus Altscherbitz selbst hab ich allerdings bisher noch nichts gehört.

Zum Nachhören: www.deutschlandfunkkultur.de/

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