bremer hörkino

Radio-Geschichten live erleben

Christiane Habermalz und Ingo Kottkamp
Alte Radios

Mo, 22.01.2024

„Wir wollen zugänglicher werden“

Über die Zukunft des Features

Gespräch mit Christiane Habermalz (Feature DLF) und Ingo Kottkamp (Feature DLF Kultur)

Im Sommer 2023 ging die gemeinsame Feature-Redaktion von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur für drei Monate in Klausur. Sie nannten es „Probenraum“. Im Hörkino-Programm präsentieren wir oft Deutschlandfunk-Features. Es interessiert uns besonders, ob und wie sich das Doku-Programm des Senders ändert. Charly Kowalczyk, freier Autor und Hörkino-Macher, hat nachgefragt im Gespräch mit der Redakteurin Christiane Habermalz (Feature DLF, Köln) und dem Redakteur Ingo Kottkamp (Feature DLF Kultur, Berlin).

Wie eng arbeiten die Redaktionen von DLF und DLF Kultur jetzt zusammen – und wie autonom seid Ihr als Feature-Redakteur*innen noch?

Christiane Habermalz: Wir sind auf jeden Fall noch autonom. Das würden wir uns nicht ohne weiteres nehmen lassen. Aber es gibt einige Bereiche, in denen wir jetzt als Abteilung gemeinsame Entscheidungen treffen. Die realisieren wir nun in kleinen Redaktionsteams.

Ingo Kottkamp: Wir haben jede Woche den „Feature-Rat“, ein Ort, in dem vieles besprochen wird, wie Rahmenbedingungen und Zukunftsentscheidungen. Aber wir entscheiden dort kein konkretes Programm. Trotzdem reden wir natürlich viel gemeinsam übers Programm, auch in vielen bilateralen Gesprächen. Was die Autonomie betrifft: Alle Redakteurinnen und Redakteure sind sehr autonome Persönlichkeiten. Wir sind in diesem Job gelandet, weil wir Lust haben, zu gestalten. Aber, wenn mein Budget ausgeschöpft ist, kann ich nicht noch mehr Radiostücke einkaufen. Wenn es um mehrstündige, aufwändige Formate geht: diese Entscheidungen müssen durch ein Gremium. Und es gibt auch so etwas wie einen „Abteilungs-Spirit“. Für mich ist das künstlerische Feature sehr wichtig, das bleibt es auch. Aber ich merke jetzt schon, dass wir andere Wörter nutzen: Podcast, User, Feedbackgespräche. Vielleicht bin ich in drei Jahren immer noch autonom, aber anders als heute.

Ist es möglich, für den DLF in Köln zu arbeiten und ein Büro im Berliner Funkhaus zu haben – und umgekehrt?

Habermalz: Ja. Als Abteilung arbeiten wir schon lange funkhausübergreifend. Ich bin Zum Beispiel zuständig für das politische Feature im Deutschlandfunk und für den Sendeplatz „Mikrokosmos“, beides im Kölner Programm. Aber ich lebe und arbeite in Berlin, fahre ab und zu nach Köln und finde das auch sehr schön. Nach unserem „Probenraum“ werden wir noch weniger nur für unsere eigenen Sendeplätze zuständig sein, sondern flexibler werden. Nicht jeder Redakteur oder jede Redakteurin bestückt jetzt nur noch den eigenen Sendeplatz, sondern hat das Ganze im Blick. Ziel ist, zu schauen, welches Thema, welcher Autor am besten auf welchen Sendeplatz passt.

Kottkamp: Zumindest ist das die Richtung und auch etwas die Vorgabe. Man muss schauen, wie weit es tatsächlich führt. Ich könnte auch jetzt schon ein Feature für andere Sendeplätze vergeben. Aber ich hab’s noch nicht gemacht. Und andersherum ist es nicht passiert – es ist noch keine gewohnte Praxis. Ich bin wirklich gespannt, wie sich das entwickelt.

War das Motiv für Eure „Probenraum-Auszeit“ die Angst, dass Euch vor allem junge Hörer*innen wegbrechen und dass das Feature Veränderungen braucht?

Habermalz: Wir haben immer noch gute Hörerzahlen, auch im Feature. Aber wir nutzen unsere Potenziale für erzählerische Formate im Netz nicht genügend aus, obwohl wir da eine sehr starke Expertise haben mit unseren Autorinnen und Autoren. Es gibt viele Leute, die Interesse haben an langen Formaten, aber kein Radio mehr hören. Wir wollen daher stärker in den Markt der Podcasts – mit unseren Inhalten, unseren Recherchen und unserer Themen-Komplexität. Und das war auch der Ausgangspunkt für den „Proberaum“.

Hören in den vergangenen Jahren weniger Menschen Features des Deutschlandfunks?

Kottkamp: Lange Zeit ging es ja um diese „MA-Zahlen“. (Eine repräsentative Befragung zur Ermittlung der Radionutzung für alle Sender und alle Verbreitungswege, UKW, DAB + Internet.) Jetzt wird unterschieden zwischen Radiohörern und Podcast-Hörern. Bei den Tools zur Reichweitemessung habe ich noch Zweifel, wie aussagekräftig sie sind. Und wie alt die Hörer sind und was sie denken, das weiß ich noch weniger. Deswegen kann ich Deine Frage nicht so richtig beantworten. Aber in meinem individuellen Umfeld kenne ich selten jemanden, der sagt, ich habe gestern Dein Feature gehört. Trotz meiner Skepsis muss ich Christiane oder dem „Probenraum“ Recht geben, dass wir mehr tun müssen, dass unsere Feature mehr gehört werden.

Was ist denn konkret beim „Probenraum“ herausgekommen?

Habermalz: Ich frage jetzt stärker danach, wen das interessieren könnte, was ich mache. Zum Beispiel, wenn man ein Feature über Nutztiere schreiben will. Macht man das für Landwirte, die sich vielleicht die Frage stellen, ob Massentierhaltung die richtige Form ist? Oder macht man es für eine Stadtbevölkerung, die sich für Tierwohl engagiert, ohne eine Ahnung von Kühen zu haben?

Es muss viel früher klar werden, warum ein Stück für mich als Nutzer persönlich relevant sein könnte. Das ist wichtig für die Verbreitung. Radiohörer schalten das Radio an und bekommen etwas vorgesetzt, was die Redaktion für sie ausgewählt hat. Aber im Podcast, im digitalen Raum, funktioniert es nicht. Da sucht sich jeder Nutzer das aus, was ihn interessiert. Wir machen tolle Features, und wir glauben, dass es sehr viele Leute gibt, die sich für unsere Inhalte interessieren. Aber wie finden diese potentiellen Hörer zu uns und wir zu ihnen? Da müssen wir noch viel besser werden.

Was müsste sich im Feature verändern?

Habermalz: Zum Beispiel die Einstiege. Auch die Titel. Da hat Ingo vielleicht eine andere Auffassung. Wir lieben die verrätselten, poetischen Titel, die nur vage Andeutungen auf einen komplexen Inhalt machen. Aber im Netz konkurrieren wir mit vielen anderen Produkten. Wir müssen schnell vermitteln, worum es geht und was das Alleinstellungsmerkmal dieses Podcast oder jenes Features ist. Denn nicht mehr wir senden in die Welt hinaus, sondern der Nutzer entscheidet, was er hören möchte. Und wenn er ein Audio anklickt, entscheidet er nach maximal zwei Minuten, ob er es weiter hören will oder doch ein anderes. Das ist alles nichts wahnsinnig Neues, aber für die Welt des Features oder der Serien ist das besonders relevant.

Kottkamp: Vieles stimmt, was du sagst. Aber, was hat der „Proberaum“ gebracht? Erst mal konkrete Ergebnisse: Weil wir nicht mehr Geld und nicht mehr Mitarbeitende haben, wird es zwar weiterhin Features und Hörspiele im Radio geben, aber weniger als vorher. Dafür werden wir mehr große Serienprojekte machen, die vor allem digitale Produkte sind. Das hat mit unseren User-Befragungen zu tun. Wenn wir Leute gefragt haben, was sie hören, antworteten sie immer: Serien oder längere Formate, weniger Einzelfeature.

Hat sich deswegen unser Denken total verändert? Da spreche ich jetzt nur für mich persönlich. Ich bin in einer Übergangsphase. Im Studio denke ich oft, wenn wir eine Sendung fertig gemacht haben, dass ich die toll finde. Seit neuestem denke ich auch diesen „Proberaum-induzierten Blick“ mit und dann gucke ich auf die Zahlen. Obwohl das Stück so toll ist, haben das Feature nicht viele gehört. Das andere Stück, das ich langweilig oder banal fand, das hat aber bis zu fünf Mal mehr Hörer gefunden. Stimmt das also alles nicht mehr, wie ich empfinde, wie ich höre?

Und noch ein Gedanke, dazu eine Anekdote: Neulich gab es eine Diskussion über Toni Morrison, die US-amerikanische Schriftstellerin. Ihre Kollegin, Sharon Dodua Otoo, sagte darin, was sie so toll an Toni Morrison findet: Sie habe nicht erklärt, wie die Schwarzen sind, sondern sie hat Geschichten aus der Schwarzen Community für die Schwarze Community erzählt. Ihre Bücher sind also an eine Zielgruppe gerichtet, aber genau deshalb werden sie auch weit über die Zielgruppe hinaus gelesen, nämlich von einem breiten weißen Publikum. Das hat mich gefreut und ermutigt. Denn meine Angst ist, dass wir nur noch User-Gruppen fein parzelliert beliefern und die Kreativität der Autoren ist futsch, weil sie nur noch Dienstleister sind. Wenn es aber Beispiele wie Toni Morrison gibt – dass jemand sehr dezidiert für eine Gruppe schreibt, aber nicht, weil das ein Marketingkonzept vorgesehen hat, sondern weil es ihr innerstes Anliegen war – dann kann diese zielgruppenorientierte Arbeit auch breit streuen. Natürlich muss es qualitativ gut sein.

Was versprecht Ihr Euch von den Großproduktionen?

Kottkamp: Aufmerksamkeit. Lange Projekte sind toll, weil sie unser Instrumentarium erweitern. Ich habe als Redakteur Serien betreut und kenne diesen langen Atem, den man da haben muss. Also wir machen jetzt eine große Geschichte über den RIAS. Da geht es um die Frühgeschichte unseres Senders. Sie hatte viel mit Spionage zu tun. Und nun soll es in einer Doku-Fiction, halb Hörspiel, halb Feature, erzählt werden. Das wird vermutlich viele Leute interessieren. Und es ist auch langweilig, dass immer alles auf Sendeplätze konfektioniert 54:30 Minuten dauern muss. Ich finde zum Beispiel auch kürzere Sendungen gut. Ich freue mich auch auf die Teamarbeit, gemeinsam mit Kollegen zu arbeiten und zu diskutieren, solange es meine eigene Entscheidung bleibt. Und wenn es nicht so technokratisch wird – sonst meldet sich meine Skepsis wieder.

Was heißt das für uns Journalistinnen? Zum Beispiel: Drei Redakteurinnen entscheiden sich für ein Projekt, suchen sich dafür eine Autorin, einen Autor oder eine Autorengruppe?

Habermalz: Beispiel RIAS-Projekt: Das wird eine doku-fiktionale Serie, und das mache ich als Feature-Redakteurin gemeinsam mit einem Kollegen aus dem Hörspiel. In dem Fall ist das unsere große Chance als Abteilung, dass wir Hörspiel und Feature bei uns vereinigen. Das Projekt werden wir beide als Redakteure gemeinsam mit einem Autor entwickeln. Das ist eher ungewöhnlich. In der Regel werden Serienprojekte von mindestens zwei Autoren geschrieben, weil sie rechercheintensiv sind. Ich würde nicht so weit gehen, von einem Writers Room nach amerikanischem Vorbild zu sprechen, aber schon von einem Team, das sich die Aufgaben teilt. Und die enden nicht mit Skript und Produktion, sondern es muss auch viel mehr Arbeit in die Distribution, also die digitale Verbreitung investiert werden. Auch dafür ist es hilfreich, dass das Team größer ist. Wir müssen da noch den besten Weg für uns finden.

Kottkamp: Wichtig für die Autoren ist, zu wissen: Wir machen auch weiter Einzelstücke. Wir brennen dafür und wollen hier auch weiterhin den ganzen Raum entfalten, für den akustisches dokumentarisches Erzählen steht. Aber die Vielfalt wird größer: Einzelfeatures, hin und wieder Mehrteiler und einige größere Serienprojekte. Der „Probenraum“ ist noch nicht abgeschlossen. Wir sind erst mal in unseren Redaktionsalltag zurückgekehrt. Es ist Work in Progress. Es sind längst noch nicht alle Entscheidungen getroffen.

Um eine Vorstellung zu bekommen: Plant Ihr zwei oder drei Großproduktionen im Jahr?

Habermalz: Genau. Mehr Großprojekte würden wir nicht schaffen. Und es hat auch was mit dem Budget zu tun. Konkret heißt das: Es werden Mittel aus dem Feature-Budget in die Serienproduktion abfließen. In welchem Umfang? Auch das ist noch nicht klar.

Kottkamp: Für mich ist auch noch unklar, wie viele Großprojekte es werden.

Sind mit Serien vor allem nur Großprojekte gemeint oder auch kleine Serien?

Kottkamp: Eine Serie ist - so wird es im Haus definiert – eine Produktion ab drei Stunden oder rund 200 Minuten. Eine Miniserie kann man auch mit Einschränkungen noch machen. Bei Hörerbefragungen unter Podcast-Usern ist herausgekommen: Nur mit einer bestimmten Länge erreicht man die Leute in der Breite. Es war interessant, auch mit Leuten von „Audible“ oder anderen kommerziellen Anbietern zu reden. Die fangen bei fünf bis zehn Stunden an. Da öffnet sich für mich eine völlig neue Welt, das wäre mir alles zu lang. Doch das ist irgendwie auch cool.

Was sind diese Großprojekte? Es müssen nicht unbedingt Serien sein, es können auch Formate sein. Viele erfolgreiche Podcasts sind ja keine Serien, wo konsekutiv oder horizontal erzählt wird. Das immer wieder erwähnte Beispiel ist „Alles gesagt“ von der „Zeit“. Das Gespräch geht so lange, bis einer sagt „alles ist gesagt“. Im Dokumentarischen könnten wir mal so eine Idee haben, vielleicht mit unterschiedlichen Themen und Protagonisten, aber mit einer schlagenden Grundidee, die gut ausgeführt wird.

Ein Podcast und ein Stück, das in der Mediathek abgerufen werden kann. Was ist der Unterschied?

Habermalz: Ah, die schwerste Frage stellst Du jetzt erst! Für mich ist ein Podcast eine digitale serielle Produktion. Das kann ein Erzählformat sein, ein Laber-Podcast oder auch ein Storytelling-Podcast, in dem eine Geschichte über mehrere Folgen erzählt wird und online abgerufen werden kann.

Kottkamp: Na ja, also Podcast ist es auch, wenn man es von einem Podcatcher oder über Spotify als Abo abrufen kann. Berühmtes Beispiel: „This American Life“: Immer andere Themen, aber jede Folge hat eine übergreifende Handschrift. Das findet man immer wieder und das will man auch immer wieder, auch wenn unterschiedliche Themen behandelt werden. Eine Einzelsendung, wie Dein „Charité-Feature“ ist eine tolle Einzelsendung und sie ist Teil eines Podcast. Der Podcast heißt „DLF Doku“, aber er hat noch seine Tradition im Radio. Und das scheint noch nicht genügend als Podcast identifizierbar zu sein. Vielleicht liegen Christiane und ich gar nicht so weit auseinander.

Habermalz: Dieser Feed „DLF Doku“ setzt sich ja zusammen aus den Features, die auf unterschiedlichen Sendeplätzen laufen. Da kommen ganz unterschiedliche Handschriften zusammen, von Autorinnen und Autoren wie von Redakteuren. Aber wird das schon als ein Podcast wahrgenommen, auf den man sich freut und den man immer wieder hören will? Ich fürchte nicht. Es fehlt bisher eine gemeinsame Erzählung, eine sich durchziehende Handschrift. Sei es ein Host, sei es eine Klammer, die das Ganze zusammenhält.

Kottkamp: Ja, wieviel Diversität verträgt und wie viel Formatierung braucht so ein Dokufeed? Da sind wir wieder bei Deiner Ausgangsfrage nach der Autonomie. Wir sind es gewohnt, dass jeder von uns autonom Feature macht. Wie wird das zu einem gemeinsamen Produkt? Ich bevorzuge einen evolutionären Prozess, in dem sich die Sachen langsam angleichen.

Welche Rolle spielt jetzt die Themenwahl? Kann man damit andere Hörer*innen finden als im klassischen Kulturradio? Spielte das beim „Probenraum“ eine Rolle?

Habermalz: Der Begriff, mit dem wir gestartet sind, war „Niedrigschwelligkeit“. Den haben wir verworfen und haben ihn in „Zugänglichkeit“ umgewandelt. Ein Beispiel: Ich habe jetzt gerade ein Feature über die Terroranschläge der Hamas im Programm gehabt. Das besteht fast ausschließlich aus den Berichten von Menschen aus den Kibbuzim und vom „Nowa Musikfestival“, die einfach nur den Horror beschrieben, den sie erlebt haben. Obwohl ich das sonst nie mache, haben wir die sehr eindrücklichen O-Töne zum großen Teil auf Englisch stehen gelassen und nur rudimentär übersetzt. Hätte ich das durch Over Voices zugekleistert, wäre viel von dem Feature verloren gegangen. Die Autoren haben das auch so empfunden. Aber es gab tatsächlich hinterher einige Hörer-Zuschriften, die gesagt haben, dass sie nicht genügend Englisch können. Das hat mir dann doch wieder zu denken gegeben, weil wir einen Auftrag haben und kein elitäres Radio machen wollen. Aber manchmal entscheidet man sich doch für die Kunst und gegen die Zugänglichkeit.

Kottkamp: Der DLF-Hörer ist es gewohnt, dass alles genau aufbereitet und übersetzt wird. Und wenn das nicht kommt, dann vermisst er etwas. Du hast eben junge Hörer angesprochen – also mein 18-jähriger Sohn würde sich veräppelt fühlen, wenn alles Englische übersetzt wird. Da ist sie wieder die Frage nach den Zielgruppen, die mich sehr beschäftigt.

Nun ja. Andererseits gibt es viele Kinder und Jugendliche und auch Erwachsene, die ein Interview in englischer Sprache nicht verstehen.

Kottkamp: Es sollen ja nicht nur noch englische Feature gesendet werden. Aber es kann schon mal eine richtige Entscheidung sein, O-Töne nicht zu übersetzen, weil so der Charakter der Sendung am besten rüberkommt. Die große Frage ist: Was interessiert Leute, die das Wort Feature noch nie gehört haben, die aber wach sind und an Themen interessiert sind? Darüber haben wir ewig in unserem „Probenraum“ nachgedacht.

Wir müssen uns aber noch viel mehr damit auseinandersetzen. Das gilt fürs alte Radio genauso: Mehr mit Hörern ins Gespräch gehen. Überhaupt mal wahrnehmen, was sie hören und was nicht. Zu beachten, wie Hörer auf Themen reagieren. Ich liebe Vorführungen unserer Sendungen, wo man schon an der Körperhaltung der Hörer merkt, ob es interessant ist oder nicht. Da müssen wir viel mehr hin und da rüttelt mich dieser „Proberaum“ auch ein bisschen wach.

Hat das Feature in der bisherigen Form überhaupt noch eine Zukunft?

Kottkamp: Ich weiß es nicht. Im Moment reden wir über die kommenden fünf bis zehn Jahre. In der Zeit wird es das Feature in der bisherigen Form weitergeben. Es gibt noch viele Redaktionskollegen, die das wollen. Und es gibt nach wie vor eine recht breite Hörerschaft. Aber manche Redaktionen haben sich davon abgewandt, sie setzen auf andere Formate, produzieren nur noch oder vorwiegend Serien. Ob es Features in 20 Jahren noch geben wird? Ich glaube schon, weil auch Dokumentarfilme nicht aussterben werden. Aber ich würde für das Radiofeature nicht meine Hand ins Feuer legen.

Habermalz: Die Frage wird künftig gar keine Rolle mehr spielen. Wir werden unsere Feature vor allem als digitale Produkte sehen. Und da ist die Länge der Stücke eigentlich total egal. Aber wir haben immer noch unsere Sendegefäße, die wir füllen müssen. Auch jetzt ist es ja schon oft so, dass die Online-Version länger ist als die Sendefassung. Alle Userbefragungen haben ergeben, dass Menschen bis zu 20 Stunden Podcast in der Woche hören oder bis zu zehn Stunden am Tag. Da frage ich mich zwar, wann machen die das? Aber das ist die Chance, die im Digitalen liegt, dass wir nicht mehr an diese starren Sendegefäße gebunden sind.

Christiane Habermalz muss los. Das Gespräch hat ein wenig länger gedauert. Nun also noch eine Frage zum Schluss an Ingo Kottkamp.

Wir müssen noch mal über Honorare für Autorinnen und Autoren sprechen. Wir bekommen immer weniger Übernahmen, weil unsere Stücke in der Mediathek abrufbar sind. Auch Koproduktionen nehmen kontinuierlich ab. Außerdem sollen wir immer mehr Leistungen für unser Honorar erbringen. Man könnte sagen: Ein freier Autor kann sich immer weniger seine Arbeit leisten. Welche Rolle spielt für Euch als Redaktion die Lebens- und Arbeitssituation Eurer Autorinnen und Autoren?

Kottkamp: Natürlich macht sich das bemerkbar, dass Autoren sich zurückziehen. Ich kriege zwar immer noch mehr Angebote, als ich machen kann, aber es sind doch weniger geworden. Das Geschäftsmodell von freien Autoren ist in der Krise, weil immer weniger Stücke von mehreren Sendern übernommen werden. Ich werde auch nicht müde, in den strategischen Sender-Sitzungen darauf hinzuweisen. Wir machen auf meinem Sendeplatz nach wie vor Übernahmen. Doch Übernahmen und Koproduktionen sind deutlich weniger geworden.

Langfristig muss es ein neues Honorar-Modell geben, das der Digitalität Rechnung trägt. Das alte Modell bestand, weil die Sender regional gesendet haben. Und wenn man es zum Beispiel den Hörer/innen in Bayern präsentieren wollte, musste man das halt in Bayern übernehmen. Das war total schlüssig. Heute muss man ein neues Finanzierungsmodell finden. Und ich weiß leider noch nicht, was gut ist. Es wird viel von „Buy-Out-Verträgen“ gesprochen, das heißt, dass man einmalig mehr für ein Feature zahlt. Ich finde, das hat Nachteile. Dann kriegt halt jedes Feature gleich viel, aber es gibt ja auch gute und schlechtere. Bisher wurden die besseren öfter übernommen und besser honoriert. Man muss sich zusammen überlegen, wie man das neu eintütet und aufstellt. Und das müssen wir Redaktionskollegen zusammen machen.

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