bremer hörkino

Radio-Geschichten live erleben

Laudatio von Dr. Yvette Gerner, Intendantin von Radio Bremen
Beate Hoffmann, Dr. Yvette Gerner, Charly Kowalczyk

Mi, 17.04.2024

„Das Bremer Hörkino als Lagerfeuer“:

Laudatio zum 20-Jährigen von Dr. Yvette Gerner, Intendantin von Radio Bremen

Weil das gemeinsame Hören und die Gespräche darüber Sinn und Gemeinschaft stiften. Weil Feature in eine andere Welt entführen. Weil Feature und der Dialog darüber Formate demokratischer Gesinnung sind. Weil Feature auch hoffnungsvolle Bilder in Zeiten gestapelter Krisen produzieren. Lauter gute Gründe für das Feature und das Bremer Hörkino. Formuliert und eingeordnet hat es Yvette Gerner in ihrer sehr berührend-klugen Laudatio zum 20-Jährigen.

„Was bin ich? Zu welchem Volk gehöre ich? Ich auf ziellosen Irrwegen ein Kind. Ist meine Heimat der Ghettowall? 16. Januar 2003. Am Kennedy Space Center in Florida. Die Raumfähre Columbia steht an der Startrampe, bereit zu ihrer 28. Mission. Zwei Wochen werden die Astronauten im All verbringen […]. Einer von ihnen ist Ilan Ramon. Der erste Israeli im Weltraum und Sohn einer Ausschwitzüberlebenden. Zur Erinnerung an den Holocaust trägt er ein besonderes Andenken bei sich, die Kinderzeichnung einer Mondlandschaft.“

Die Szene, die ich Ihnen vorgelesen habe, ist der Auftakt zum neuen Feature von BremenZwei und dem Deutschlandfunk „Schreiben im Untergrund – Das Jugendmagazin ‚Vedem‘ in Theresienstadt“. Und diese erste Szene des Features, sie lässt zunächst zwei ganz unterschiedliche Bilder im Kopf der Zuhörer:innen entstehen: Das Kind hinterm Ghettowall einerseits. Die Raumfähre auf der Startrampe andererseits. Dann beschwört die Stimme des Sprechers weitere Bilder: den Astronauten mit der israelischen Flagge an seiner Uniform, die Kinderzeichnung einer Mondlandschaft. Nach und nach verflechten sich die Bilder miteinander. Sie fordern die Konzentration und die Phantasie der Zuhörerinnen heraus. Ihre Köpfe beginnen, Sinn zu stiften.

Im besten Fall ist das die Wirkmacht von Hörfunksendungen: „Die reine Stimme“ – kombiniert mit Musik und Ton – „erlaubt auch ein Mehr an Konzentration“. Vor allem „verglichen mit dem Fernsehen, wo schnelle Bildwechsel das Auge ganz in Anspruch nehmen“. Und dieses Mehr an Konzentration, es erlaubt nicht selten auch ein Mehr an Freiheit. Bilder aus dem Radio wirken im Kopf und emotionalisieren gleichzeitig, sie regen die Phantasie an, sie sind der eigenen Konstruktionsleistung unterworfen. Anders oft die Bilder auf dem Fernseher oder auf der Leinwand: Welcher Freiheitsgrad bleibt bei einem Close-Up?

In den vergangenen 20 Jahren hat das Bremer Hörkino 180mal Bilder in den Köpfen seiner Zuhörerinnen und Zuhörer entstehen lassen. 180mal bei jeder Zuhörerin, bei jedem Zuhörer ein in Nuancen anderes Hörerlebnis. 180mal durften sie abtauchen in die Geschichten anderer Menschen, 180mal abschweifen und das Gehörte frei mit der eigenen Lebenserfahrung assoziieren. Und danach? 180mal Reden. Dann reden die Zuhörerinnen und Zuhörer, reden die Macherinnen und Macher über das Feature. Sie stellen dann gemeinsam Sinn her – nicht mehr nur in den eigenen Köpfen.

Das Hörkino als Lagerfeuer
Was für ein wundervolles Konzept. Und immer dabei: Beate Hoffmann und Charly Kowalczyk. Beate Hoffmann und Charly Kowalczyk entzünden im swb-Kundencenter und inzwischen im Alten Fundamt regelmäßig ein Lagerfeuer. Wir Medienmenschen sprechen ja gerne von Lagerfeuerformaten und meinen damit meist die großen Samstag-Abend-Shows, Fußballabende bei der EM, beim DFB Pokal oder einfach beim nächsten Werder Spiel.
Bei genauerer Betrachtung passt aber das Hörkino besser zur Metapher. Denn was hat es mit dem Lagerfeuer auf sich? Wie sind Ihre, unsere Erfahrungen mit Lagerfeuern-Momenten? Eigentlich sind es doch Abende im kleineren Kreis, ein gemeinsamer Raum, das Feuer brennt im Zentrum. Hier versammeln sich Menschen, sie erzählen Geschichten und hören zu. Wenn Funken in die Dunkelheit der Nacht fliegen, wenn der Widerschein der Flammen auf den Gesichtern der Versammelten tänzelt, dann öffnen sich die Ohren der Zuhörerinnen und Zuhörer, entsteht ein besonderer Erlebnisraum für Austausch, dann stiften Gespräche und Erzählungen Sinn und Gemeinschaft.

Ein modernes Lagerfeuer bietet das Hörkino indem es immer wieder spezielle Radio Features auswählt und das Publikum dann in einer andere Welt entführt heute Abend von Bremen in die Berge. In einer aufgeregten Zeit lassen Features das Publikum in andere Welten eintauchen. Beim Hörkino aber kann danach noch gesprochen werden, gemeinsam reflektiert, gefragt oder philosophiert werden. Hier geht es nicht nur darum das Format Feature zu feiern und dem Publikum nahe zu bringen. Es ist ein besonderer Verdienst des Bremer Hörkinos daraus ein modernes Lagerfeuer zu entzünden. So unterschiedlich wie die Geschichten in den Features, so unterschiedlich sind die Menschen, die das Hörkino besuchen, ihre Ohren öffnen und in den Austausch kommen. Und genau dieser Austausch ist heute wichtiger denn je, insofern ist die Idee des Hörkinos heute aktueller als bei seiner Gründung.

Brecht – Hörkino als Kommunikationsapparat
Denn das Bremer Hörkino verkörpert noch eine weitere Idee: die Idee des Dialogs. Nicht nur Sender sein. Der Anspruch ist so alt, wie das Radio selbst. Schon Bertolt Brecht stellte sich in der Weimarer Republik das Radio als interaktiven „Kommunikationsapparat“ vor. Noch nie war der öffentlich-rechtliche Rundfunk so nah an dieser Vision dran wie heute im digitalen Zeitalter, geprägt auch durch die Macht sogenannter sozialer Medien. Auftrag ist diese Vision des Austausches zwischen Sender und Empfänger seit der Etablierung der öffentlich-rechtlichen Sender durch die Alliierten. Seit ihrer Gründung 1950 in Bremen arbeitet die ARD gemeinsam an dieser Vision eines demokratischen Rundfunks. Das Radio-Feature als Form und das Hörkino als Veranstaltungsformat sind Ausdruck dieser demokratischen Gesinnung. Das Feature, weil es in Freiheit lebende Hörerinnen und Hörer voraussetzt, sie fordert und fördert. Das Hörkino, weil es Brechts Idee des „Kommunikationsapparats“ wörtlich nimmt. Nach Bremen brachten Sie diesen Apparat vor 20 Jahren. Zur selben Zeit gründete Marc Zuckerburg in Cambridge ein anderes Kommunikationstool : Facebook.

Gemeinsames Zuhören in Zeiten gestapelter Krisen
In einer Zeit, in der sich die Krisen stapeln – von Inflation, sozialen Härten und Krieg in Europa – spalten viele Beiträge in den sogenannten sozialen Medien. Dabei wären vernünftige Debatte und Streit, Verständigung und Versöhnung nötig. In dieser Zeit der gestapelten Krisen setzen wir bei Radio Bremen verstärkt auf den Dialog mit den Menschen vor Ort. Das Hörkino tut dies ebenso. Die große zeitliche Konstanz des Hörkinos in Bremen hat sicher viel mit Einsatz von Beate Hoffmann und Charly Kowlacyk zu tun, sie lebt aber von der Form des Features – und damit komme ich wieder zurück zum Anfang meiner Laudatio: Die Form weist immer wieder Wege gerade in einer demokratischen, vielfältigen Gesellschaft. Sie eröffnet Möglichkeitsspielräume im Denken. So lässt unser neues Bremen Zwei-Feature selbst am dunkelsten Ort Bilder der Hoffnung entstehen: Eine Gruppe von Jugendlichen produziert in Theresienstadt heimlich das Magazin „Vedem“. Im Dezember 1943 zeigt das Titelblatt des Magazins: einen Stern, ein Buch und eine Patrone. Ich darf einen Zeitzeugen zitieren, der in dem Feature zu Wort kommt: „Die Patrone ist eigentlich ein Raumschiff für Astronauten auf dem Weg zu den Sternen. Peter Ginz – der Chefredakteur des Magazins – sagte, der einzige Weg zu überleben, ist Bildung. Und dafür steht das Buch.“

Feature und Podcast – Ausblick
Ich wünsche Ihnen, dass das Bremer Hörkino auch in Zukunft immer wieder hoffnungsvolle Bilder in den Köpfen seines Publikums entstehen lässt. Wenn ich in die öffentlich-rechtliche Audiotheken blicke, bin ich zuversichtlich, dass wir Ihnen auch in 20 Jahren noch gutes Material liefern können: Sowohl was das klassische Feature angeht fürs Hörkino aber auch für das andere interessierte Audio-Publikum. Denn in manch gut durchkomponierten Podcast findet das klassische Feature ein junges Geschwisterkind, das ihm gewachsen ist. Auch hier steht das gesprochene Wort im Vordergrund. Das serielle Erzählen ermutigt dazu, immer wieder an das virtuelle Lagerfeuer zurückzukehren. Dass die Bremerinnen und Bremer immer wieder an das durch das Hörkino geschaffene Lagerfeuer kommen und neuen Erzählungen lauschen werden, daran habe ich keinen Zweifel.

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür, dass sie mit dem Feature einer - vor allem im öffentlich-rechtlichen Hörfunk gepflegten Gattung - den ihr würdigen Raum geben. In diesem Sinne freue ich mich auf das gemeinsame Hörerlebnis und die anschließende Diskussion zu Braunvieh, Ziegenmist und Bergkartoffeln.

Radio Bremen 2 am 1. April 2024, Interview mit Beate Hoffmann Weserkurier Interview mit Charly Kowalczyk

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