bremer hörkino

Radio-Geschichten live erleben

Art House Doku
Michael Lissek

Mi, 29.05.2024

„Wir wollen das ungewöhnliche und sperrige Feature retten“

Michael Lissek über den neuen Doku-Podcast ARTHOUSE DOKU

ARTHOUSE DOKU ist der künstlerisch gestaltete Doku-Podcast von ARD und Deutschlandfunk. Anspruchsvoll und klanglich opulent. ARTHOUSE DOKU erzählt komplexe Geschichten und lässt Menschen ausführlich zu Wort kommen. „Intelligent collagierte Töne und soundfette Audios ohne die einordnende Erzähler-Instanz eines Hosts“, so beschreiben es die Sender. Wie unterscheidet es sich vom klassischen Feature? Wie grenzt es sich von anderen Podcasts ab? Ein Gespräch mit einem der Organisatoren, mit Michael Lissek, Feature-Redakteur beim SWR.

„ARTHOUSE DOKU ist wie ein guter Dokumentarfilm für die Ohren“, so beschreiben Sie das Konzept. Was ist daran anders als bei den herkömmlichen Feature-Programmen?

Vielleicht wollen wir auch gar nichts anderes machen als hervorragende Features und sie gebündelt im digitalen Raum zu neuem Leben erwecken. Und ich muss auch gleich mal leicht schnippisch zurückfragen: Wie viele Feature-Redaktionen von ARD und Deutschlandradio machen denn Ihrer Information nach überhaupt noch Feature klassischen Zuschnitts?

Sagen Sie es uns.

Nicht so viele jedenfalls. Die Redaktionen von RadioDrei vom RBB, NDR-info und BR2 haben sich sogar umbenannt in so illustre Marken wie „Storytelling Unit“, „Podcastlab“ oder ähnliches. Hinzu kommt, dass andere Feature-Redaktionen wie beim MDR oder bei Radio Bremen nur noch wenige Features produzieren. Die Energien der Redaktionen gehen zur Zeit großteils in Podcasts und Serien, nicht in einstündige, künstlerisch gestaltete Features. Wirklich starken Output an Features haben der SWR, der WDR, NDR-kultur und Deutschlandradio. Und das sind auch die vier Projektpartner von ARTHOUSE DOKU.

Warum “ARTHOUSE DOKU” jetzt, zu diesem Zeitpunkt?

Aus genau diesem Grund: Um das klassische, soundfette und möglichst ungewöhnliche und sperrige Radiofeature zu retten. Und zwar, lassen Sie mich da ruhig mal ein bisschen polemisch sein: vor der Podcastisierung des Dokumentarischen.

Wir verstehen Ihre Polarisierung zwischen Feature und Podcast nicht so recht. ARTHOUSE DOKU ist doch auch ein Podcast und nutzt den digitalen Ausspielweg.

Ja, wir benutzen den digitalen Ausspielweg für unser Projekt – aber das Wort „Podcast“ beschreibt doch schon längst nicht mehr den Ausspiel- oder Übertragungsweg – sondern eine spezifische Form des Erzählens! „Podcast“ ist ja ein Kofferwort, ein Neologismus, der vor etwa 20 Jahren erfunden wurde. Als Gegenstück zum „Broadcast“, der klassischen Radiosendung. Aber entschuldigen Sie, jetzt höre ich mich gerade ein wenig an wie Schweinchen Schlau und werde akademisch.

So lange es der Wahrheitsfindung dient

Also: Podcasts waren ursprünglich eine technisch einfache Möglichkeit, Audioinhalte ins Netz einzuspeisen – und sich diese, zumeist bei I-Tunes zur Verfügung gestellten, Inhalte von Userseite auf den „I-Pod“ zu ziehen und anzuhören. Das war eine super Sache. Podcasts waren Punk: Drei Akkorde, und los ging‘s. Ich feiere das! So jedenfalls entstanden zuerst in den USA, dann aber auch weltweit mit tausenden sogenannter „Laberpodcasts“: Zwei Menschen saßen sich gegenüber und plauschten recht ziellos über dies und das. Das zog viele Menschen an, das war erfolgreich. Und zwar auch deshalb, weil die Differenz zwischen Machern und Hörern einfach kassiert wurde. Jede*r konnte „Radiomachen“ spielen, und es gab keine Gatekeeper, also Redakteure, von Senderseite. Die Verwirklichung der Brechtschen Radiotheorie. Die Übertragung der großen Netzfreiheit auf den Audiobereich, toll!

Die Urform des simpel gestalteten Podcasts veränderte sich natürlich, wurde zum Teil auch recht sophisticated, manchmal gab es O-Töne dazwischen, manche Podcasts arbeiteten mit Atmos, Geräuschen, Musiken und Kompositionen – aber der Kern blieb: Zwei Menschen, zwei „Hosts“, führen locker plauschig durch die „Sendung“.

Was ist daran schlimm?

Daran ist gar nichts schlimm. Ist doch toll, wenn zwei im besten Fall intelligente Menschen sich unterhalten und wir ihnen mit Gewinn zuhören können! Es ist prima, dass es diese Form gibt. Aber sie ist eben nicht auf alle Inhalte anwendbar! Und die Podcastform sollte vor allem nicht alle anderen Radioformen ersetzen. Ich bin nicht von vorgestern und weiß auch, dass das Digitale jetzt und in Zukunft von enormer Wichtigkeit ist und sein wird.

Natürlich höre ich die Großgenres Hörspiel und Feature digital und online. Es ist nicht zuletzt im Auftrag unserer Hörer und Hörerinnen von eminenter Bedeutung, dass unsere Broadcasts – sorry, Sendungen - online stehen. Von mir aus auch gebündelt, sei’s thematisch oder formal. Es ist wichtig, dass sie ein schönes Cover kriegen, vielleicht einen neuen Namen und damit zugänglicher werden. Aber sie dürfen nicht alle klingen wie Podcasts. Sie müssen je nach Thema und Handschrift der Autorin, des Autors unterschiedliche Klangfarben, Rhythmen und Ausrichtungen annehmen dürfen.

Sie beschreiben ARTHOUSE DOKU als „Autorenradio“. Sind Feature nicht immer stark von Autorinnen und Autoren geprägt?

Natürlich haben Sie in einem grundsätzlichen und utopischen Sinne recht. Aber die Produktion eines Features ist in Deutschland – übrigens ganz anders als in anderen Ländern – sehr arbeitsteilig angelegt. Die Autorin, der Autor sammelt die Töne ein, interviewt, schneidet, selektiert und transkribiert das Material und schreibt am Ende ein Manuskript. Der Redakteur lektoriert, macht Änderungsvorschläge – und schickt das Material und das Manuskript mit einer Regie ins Studio, die dort gemeinsam mit einem oder zwei Technikerinnen oder Toningenieuren das Stück fertig macht. Häufig bleibt da nicht viel übrig von einer „Handschrift“.

Die sieben Dokus der ersten Staffel unterscheiden sich sehr von Stücken, die auf diese Weise entstanden sind. Bei beinahe alle ARTHOUSE DOKUS, die Sie in der Audiothek finden, haben die Autor*innen Regie geführt. Und in vielen Fällen sogar selber produziert. Bei zwei der drei vom SWR beigesteuerten Stücke, deren Redakteur ich war, haben wir den Produktionsprozess sogar völlig geändert: Mit Monika Kursawe und Ute Lieschke habe ich mich jeweils fünf Tage in einem kleinen Studio im SWR eingeschlossen, und wir haben selbst die Regler geschoben und die ganze Sendung zu zweit zusammengebaut. Diese Reduktion der Beteiligten hat den Vorteil, dass die Produktion selbst noch eine „Recherche“ bleibt.

Man kann Stellen, die man beim Produzieren langweilig findet, rausschmeißen oder kürzen – oder andere Stellen akustisch stärker machen. Man kann mit Musikkonzepten spielen, mit Schnitten, Blenden, Lautstärken und Panoramen. Das machen dann diejenigen, die das Material seit langer Zeit in- und auswendig kennen. Als Macher*in kann man so auf das, was man produziert, reagieren. Das ist wirklich eine Arbeit mit und für die Ohren – und nicht die Umsetzung von Papier in Klang.

Sie wollen mit ARTHOUSE DOKU ein „anarchistischer Stachel in der Radiolandschaft“ sein, behaupten Sie in der Folge „Was ist ARTHOUSE DOKU?“ Wie das?

Damit meinen wir, dass wir anders produzieren, anders klingen wollen. Wir wollen weg von stromlinienförmigen Erzählweisen. Wir wollen gerne auch weg von allem, was warenförmig ist. Vor allem aber ist unser Ansatz paradoxal. Wenn alle einen niedrigschwelligen Zugang fordern, setzen wir den Einstieg hoch an. Wenn alle „relevante Inhalte“ fordern, setzen wir auf die Poesie der Form. Wenn Podcasts uns durch die immer gleiche Soundästhetik suggerieren: „Hier bist du zuhause!“ will ARTHOUSE DOKU mit jedem Stück sagen: „Willkommen in der Fremde!“ Und wenn alle mit Hosts arbeiten, setzen wir auf die Collage von Originaltönen und Footage-Material.

Das taucht im Umfeld von ARTHOUSE DOKU immer wieder auf: Die Ablehnung eines Hosts. Warum?

Ablehnung wäre zu stark. Ein Host, also eine wiedererkennbare Stimme, die durch die Sendung und eine gesamte Staffel führt, passt nur nicht zu unserem Ansatz. Darf ich noch mal kurz akademisch und vielleicht sogar ein bisschen politisch werden?

Nur zu!

Host bedeutet ja „Gastgeber“. Aber wie sähe er denn aus, der gute Gastgeber? Ist das einer, der die Plätze anweist? Unterbricht ein guter Gastgeber seine Gäste beim Sprechen oder erklärt den anderen, was da gerade gesagt wurde? Eher nicht. Mir kommen viele Podcasts mit Hosts vor wie „Betreutes Hören“. Den Zuhörer*innen wird nicht viel zugemutet. Ich sehe da eine gewisse mediale Vermittlungsneurose, den Wunsch, alles vergleichbar zu machen.

ARTHOUSE DOKU hingegen macht die Tür für die Welt auf und lässt sie erst mal herein. Wir hören zu. Und wir lassen auch Aussagen und Szenen stehen, mit denen wir nicht übereinstimmen.

Jedes Radiostück, oder besser gesagt, jedes Audio hat ein Referenzzentrum. Ein stilles Zentrum, um das sich das gesamte hörbare Material dreht. Bei den hostbestückten Podcasts ist dieses Zentrum ganz eindeutig immer das Studio und die Macherin oder der Macher. Markiert wird dieses Zentrum durch die Nennung der Namen der Macher *innen während des Stückes: „Was sagst du dazu, Peter?“ Oder durch Sätze wie „Und dann haben wir das mal recherchiert.“ Solche Podcasts rufen nur eine „Studio-Phantasie“ auf. ARTHOUSE DOKU versucht in jedem Stück ein anderes Zentrum zu finden. Oder vielleicht sogar ohne Zentrum auszukommen. Auf jeden Fall ist nicht der Name des Autors, der Autorin das Zentrum, auf jeden Fall nicht das Studio oder die Recherche. ARTHOUSE DOKU begreift sich als zentrumloses, rhizomatisches Erzählen, eines, das die Macht des Erzählens in die Hände seiner Protagonist *innen oder des Sounds stellt.

In der ersten Staffel kommen Themen vor wie ein Coming out in der Freikirche, Erinnerungen beim Autofahren, die Klimakatastrophe, das Portrait einer türkischstämmigen Schauspielerin oder die Frage, wie man am besten alt wird, vor. Das heißt, die Folgen einer Staffel haben keinen roten inhaltlichen Faden?

Genau. Der rote Faden ist die Erzählweise und die Form: soundfett, collagiert, sperrig, widerständig.

Ist das künstlerische Feature in den ARD-Sendern grundsätzlich in Gefahr?

Ich kann nicht für die ARD sprechen. Ich kann noch nicht mal über oder für meinen Arbeitgeber, SWR Kultur, sprechen. Ich spreche hier ja letztlich als einer der letzten Hysteriker des Features, als Jürgen Klopp der künstlerisch gestalteten Dokumentation. Und ich würde sagen: Von Senderseite ist das Feature nicht grundsätzlich in Gefahr. Wir werden von Senderseite schon wahrgenommen als diejenigen Radiomacher*innen, die die Skills haben, gute Geschichten zu erzählen. Das künstlerische Feature ist erst dann in Gefahr, wenn wir es nicht schaffen, ungewöhnlichere Features zu produzieren und die Zielgruppe, die das interessieren könnte, zu finden. Wir müssen spannendere, vielleicht auch paradoxalere Stücke produzieren und die dann nicht verbuddeln. Dafür gibt es ARTHOUSE DOKU.

Wird es - auch aufgrund vieler Podcasts - immer mehr “True Crime Stories” im Feature-Bereich geben?

Wenn das alle anderen machen – dann müssen wir es ja nicht mehr tun!

‹ zurück