Mi, 28.01.2026
„Alt und unverzagt – Frauen erzählen Geschichte“
Ein ungewöhnlicher Zeitzeuginnen-Podcast von Eva Schindele
Wer erzählt Geschichte? Und wie erinnern wir uns? Die Journalistin und Autorin Eva Schindele gibt Frauen eine Stimme, die vor, während oder kurz nach dem 2. Weltkrieg geboren sind. Ihre weibliche Sicht hat die Kunst, Geschichtsschreibung, Linguistik, Medizin und Politik bereichert. Als Vorkämpferinnen haben sie Frauen erst in der Öffentlichkeit sichtbar gemacht. Im Gespräch mit Beate Hoffmann erzählt Eva Schindele, wieso sie mit Anfang 70 noch mal etwas Neues angefangen hat. Und wieso die Frauen im Podcast auch heute noch Mutmacherinnen sind.
Beate Hoffmann: Eva, Du warst über 70 als Du einen Podcast gestartet hast, nachdem Du lange als freie Journalistin erfolgreich warst. Wie anders ist dieses Arbeiten?
Eva Schindele: Also ich habe früher vor allem für den Hörfunk gearbeitet, habe Feature gemacht und lange Interviews geführt. Und dieses Handwerkszeug hilft auf jeden Fall, aber trotzdem ist es eine andere Form, zumindest wie ich diesen Podcast mache.
Mir fällt auf, dass Du in dem Podcast selbst auch gar nicht so viel redest. Du fragst, Du hörst zu und manchmal streust Du persönliche Erlebnisse ein. Was ich angenehm finde: Es ist nicht so ein „Laber-Podcast“ über Alltägliches oder Belanglosigkeiten, denn Du lässt wirklich die Frauen erzählen. Ist das Deine journalistische Ader?
Naja, ich flechte auch von mir persönlich etwas ein, Erfahrungen und Biografisches. Aber mich interessieren natürlich die Frauen. Und die haben ja alle was zu sagen. Es sind jetzt 17 Episoden online, Gespräche mit vielen interessanten Frauen, die alle vor, im oder kurz nach dem 2. Weltkrieg geboren sind und auch Zeitgeschichte abbilden – zumindest die westdeutsche. Bisher habe ich nur mit einer Frau aus der Ex-DDR, der 87-jährigen Gynäkologin Christa Schulze, gesprochen. Und eine Frau, die Psychotherapeutin Sema Yilmaz-Karazu ist in Istanbul geboren und erzählt Migrationsgeschichte, was natürlich auch zu Deutschland gehört. Mir sagen auch Hörerinnen oder Hörer, dass sie gerne noch mehr von mir erfahren würden. Wenn man dann alle Folgen hört, lernt man mich etwas mehr kennen. Also, ich halte mich da jetzt nicht zurück, aber in erster Linie geht es mir um die Frauen, mit denen ich spreche.
Wie wählst Du die Frauen aus?
Der Podcast heißt „Alt und unverzagt - Frauen erzählen Geschichte“. Ich lade vor allem Frauen ein, die mich selbst interessieren und von denen ich glaube, dass sie was zu sagen haben. Manche kenne ich persönlich, viele aber kaum oder gar nicht. Meist sind es Frauen, die berufstätig waren und sich engagiert haben. Sie haben die Gesellschaft mit ihrem weiblichen Blick bereichert und Frauen öffentlich sichtbarer gemacht. Bisher war mir wichtig, dass sie möglichst älter als ich sind. Ich bin jetzt 74 und die Frauen sind alle so 78 plus. Ich will wissen, wie die Frauen mit dem Älterwerden umgehen – und zwar jenseits aller Klischees. Ich brauche ja schließlich auch Vorbilder, die mich ermutigen.
Wie machen Deine Gesprächspartnerinnen Dir Mut?
Alte Frauen sind nicht eine „graue uniforme Masse“. Nur weil sie alt sind, verlieren sie nicht ihre Persönlichkeit. Meine Gesprächspartnerinnen sind sehr unterschiedlich. Aber insgesamt beeindruckt mich schon, wie neugierig viele auf die Welt blicken und Anteil nehmen. Quicklebendig schauen sie auf das, was trotz Alter noch möglich ist und fokussieren nicht so sehr auf ihre Einschränkungen. Allerdings sind die Frauen, die ich interviewt habe, meistens gesundheitlich noch relativ fit. Und dann geht es mir im Podcast auch darum, bestimmte Themen zu besprechen, die mir wichtig sind und die mir in meinem ganzen Leben wichtig waren.
Zum Beispiel?
Die Frauengesundheit, mit der habe ich mich ja viel beschäftigt und mit allen Aspekten des weiblichen Körpers, wie zum Beispiel dem Gebären, aber auch mit der Pathologisierung durch die Medizin. In dem Zusammenhang habe ich die Frauenärztin Barbara Ehret interviewt, die 1993 den interdisziplinären Arbeitskreis Frauengesundheit (AKF) gegründet hat, der bis heute aktiv ist. Sie wurde in den 1980er Jahren von männlichen Gynäkologen beschimpft, weil sie die vielen unnötigen Gebärmutter-Entfernungen öffentlich kritisiert hat. Manche ihrer Kollegen wollten sie sogar als Hexe „verbrennen“ und zettelten ein Standesverfahren gegen sie an. Wirklich skandalös. Darüber hatte ich damals mehrmals berichtet. Viele Jahre später habe ich Barbara Ehret für meinen Podcast nochmal aufgesucht und eine nach wie vor mutige und engagierte 84Jährige getroffen, die mir auch viel Persönliches erzählt hat: Wie sie zu ihren adoptieren Kindern gekommen ist oder über ihre Flucht und die Armut, in der sie aufgewachsen ist. Die Kriegsgeneration hat Themen, die schon für meine Generation eher fern ist. Und für die Jüngeren sowieso. Was ich auch festgestellt habe: In der jetzigen politischen Weltlage werden Kriegserfahrungen und -traumata bei den alten Menschen wieder lebendig. Davon erzählt die Sozialwissenschaftlerin Annelie Keil in einer Episode des Podcast eindrücklich.
Also ist das auch so eine Art Zeitzeuginnen-Podcast?
Ja. Ich möchte Frauen eine Stimme geben und Zeitgeschichte ein Stück aus weiblicher Sicht erzählen. Interessant finde ich, dass es viele Aufbruchsbiografien sind. Das spiegelt, die Zeit wider, in der meine Gesprächspartnerinnen junge Frauen waren. In den 1960/70er-Jahren herrschte eine allgemeine Aufbruchstimmung: mehr Demokratisierung, der Wunsch, Gesellschaft zu gestalten, sich als Frau neu zu positionieren, auch gegenüber den Männern, öffentlich sichtbarer zu werden. Jetzt im Januar habe ich eine Podcast-Folge online gestellt, in der ich die 85-jährige Musikwissenschaftlerin Eva Rieger in Vaduz besuche. Sie hat 1980 ein Buch geschrieben mit dem Titel: “Frauen, Musik und Männerherrschaft”. Nur nebenbei: Erst 1982 wurde überhaupt die erste Frau von den Berliner Philharmonikern akzeptiert, in anderen Orchestern war es noch später. Pionierinnen wie Eva Rieger ist es zu verdanken, dass sich die Konzertsäle inzwischen mehr für Musikerinnen und Dirigentinnen geöffnet haben. Ihr Verdienst ist auch, dass immer mehr weibliche Komponisten aus vorigen Jahrhunderten wieder entdeckt wurden. Das finde ich total spannend. Ich glaube, dass viele jüngere Menschen gar nicht wissen, wie viel Wissen über Frauen verloren gegangen ist
War es von Anfang an Deine Intention, so einen Zeitzeuginnen- und Porträt-Podcast über biografische Aufbrüche in der Nachkriegszeit zu machen?
Ja, irgendwie schon. Viele Frauen standen der autonomen Frauenbewegung nah, haben was gewuppt und vielleicht auch ein Nachdenken oder gar Veränderungen bewirkt. Zum Beispiel die Linguistin Luise Pusch. Sie hat gezeigt, wie männlich unsere Sprache eigentlich ist und das Buch „Deutsch als Männersprache” in den 1980er Jahren publiziert. Also lange, bevor es überhaupt die öffentliche Debatte über das Gendern gab. Ihr Buch hat damals auch mir als Journalistin wichtige Impulse gegeben. Pusch beschreibt in dem Podcast übrigens auch, wie sehr sie als junge Frau unter dem Tabu, lesbisch zu sein, gelitten hat. Und sie erzählt, wie befreiend es für sie war, in der Frauenbewegung offen damit umgehen zu können. Die Gesellschaft ist in den letzten Jahren liberaler und toleranter geworden. Meine Podcast-Frauen sind Zeuginnen dieser Entwicklung. Einige äußern sich besorgt, dass es wieder ein Roll-back geben könnte und dass das, für das sie gekämpft haben, wieder verschwindet. Dieser Sorge kann ich mich durchaus anschließen.
Ich möchte noch mal zu Dir als Journalistin zurückkommen. Was ist der Unterschied für Dich, ob Du ein Feature machst oder eine Podcast-Folge?
Ein Feature zu produzieren, ist komplexer. Ein Thema zu erfassen, heißt oft aufwendig zu recherchieren und zahlreiche Interviewpartner oder -partnerinnen zu kontaktieren. Feature habe ich im Auftrag von Hörfunkredaktionen gemacht, die dann oft noch eigene Ideen oder Ansprüche formuliert haben. Meinen Podcast habe ich selbst konzipiert und ich mache weitgehend alles selbst: die Kontaktaufnahme, das Gespräch bis hin zum Schnitt. Nur bei der Endproduktion und der Verbreitung auf den Podcast-Plattformen habe ich Unterstützung. Ich bearbeite und kürze alle Gespräche, ich gebe das fertige produzierte Gespräch dann der portraitierten Frau zum Autorisieren. Mir kommt es überhaupt nicht darauf an, die Frau zu entlarven oder investigativ was Neues oder Sensationelles herauszukitzeln. Ich möchte meinem Gegenüber gerecht werden und einen Raum zwischen uns entstehen lassen. Ich folge ihr während des Gesprächs - möglichst ohne den Faden zu verlieren - und bringe auch mich persönlich mehr ein. Und da kommen oft tiefgehende Gespräche zwischen zwei alten Frauen zustande.
Ist das lustvoller als die journalistische Arbeit?
Na ja - alles hat seine Zeit. Journalistin war mein Traumberuf. Die Arbeit war für mich immer spannend, aber auch oft anstrengend und herausfordernd. Heute steht der Journalismus in einem solchen politischen Spannungsfeld zwischen Fake News und der Suche nach Tatsachen und Wahrheit. Gerade die Öffentlich-Rechtlichen, für die ich 40 Jahre hauptsächlich gearbeitet habe, stehen unter heftigem Druck - vor allen von rechten Parteien und ihren Netzwerken. Diese Shitstorms auf Social-Media, der Hass und die sexuelle Anmache, mit dem sich vor allem weibliche Journalisten konfrontiert sehen. Es ist so heftig geworden, dass ich froh bin, nicht mehr in dem Beruf zu arbeiten. Aber ich finde eine freie Presse für unsere Demokratie zentral und freue mich, dass es mutige jüngere Kolleginnen und Kollegen gibt, die diese Arbeit engagiert machen. Ich habe übrigens in meinem Leben auch heiße Themen angepackt und habe oft Gegenwind gekriegt. Aber es ist kein Vergleich zu dem, was heute abläuft.
Du kommst zwar vom Hörfunk, aber du hast für Zeitungen, Zeitschriften geschrieben, auch Sachbücher veröffentlicht. Du hättest sagen können: Ich führe Interviews mit den Frauen und mache ein Buch daraus. Wieso die Podcast-Version?
Mir gefällt es, den Frauen persönlich zu begegnen - meist zu Hause, in ihrer privaten Umgebung. Ich mache dann auch immer Fotos. Manchmal ist die Reiserei anstrengend. Und natürlich das Schneiden und die Nachproduktion, das hat dann auch noch so die eine oder andere Tücke. Aber es macht Spaß und ich lerne auch viel dazu. Ich finde Podcast hören auch sonst wunderbar.
Könnte man sagen, jetzt mal ein bisschen überspitzt ausgedrückt, diese Podcast-Formate sind eine willkommene Fortführung für Journalistinnen oder Journalisten, die sagen, ich habe auf diesen normalen Journalismus keine Lust mehr. Also auch im Alter nicht.
Wenn Du kein Geld verdienen musst, im Gegenteil vielleicht noch Geld mitbringst, kannst Du Dich auf das Abenteuer einlassen. Ich verdiene mit meinem Podcast kein Geld, sondern ich buttere da eher rein. Seit einem Jahr bitte ich auch um Spenden. Und Leute geben auch kleinere und größere Beträge, weil sie das Projekt wichtig finden. Das freut und ermutigt mich, weiterzumachen. Inzwischen ist es schwieriger geworden, mit Podcasts durch das Schalten von Werbung Geld zu verdienen. Dafür müsste ich mit einer ganz anderen Reichweite unterwegs sein und mit anderen Themen.
Du hast 17 Folgen produziert. Wie viel schaffst Du in einem Jahr?
Ich habe den Aufwand unterschätzt, einen Podcast als Newcomerin auf die Beine zu stellen. Inzwischen habe ich mich auf sechs Folgen im Jahr eingependelt, etwa alle zwei Monate stelle ich eine neue Folge online und auf meine Homepage. Ich hoffe, dass ich das auch noch weiterhin schaffe. Einige Frauen, die ich angefragt habe, wollten nicht. Nicht jede Frau möchte sich unter dem Label „Alt und Unverzagt“ sehen, eine wollte nichts Privates von sich erzählen. Das finde ich dann sehr schade.
Wen würdest Du gern noch gewinnen für eine Folge?
Ich hätte sehr gerne Rita Süssmuth interviewt. Aber ihre Sekretärin hat abgewunken. Sie wäre schon so alt und auch krank - das wäre einfach zu viel für sie. Rita Süßmuth finde ich eine ganz interessante Frau, konservativ, feministisch und mit klarer Haltung und guten Ideen. Aber es sind schon so viele Frauen auf meiner Liste, die gerne in dem Podcast mitmachen, dass ich mir jetzt gar keine Gedanken machen muss, dass ich nicht genug Frauen finde. Im Gegenteil. Viele meiner Gesprächspartnerinnen bedanken sich dann auch nochmal, wenn sie den fertigen Podcast gehört haben.
Wer zum Beispiel?
Zum Beispiel, die Kunsthistorikerin Hanna Gagel, die erste Frau, die ich für meinen Podcast interviewt habe, und zwar in den Schweizer Bergen, auf 1600 Meter Höhe. Sie ist im letzten Jahr 90 geworden und ich habe gratuliert. Daraufhin hat sie mich angerufen und mir erzählt, dass sie immer wieder gerne in das Gespräch hineinhört und sich so freut, dass ich ihr den Raum gegeben habe. Ich glaube, für viele ist unser Gespräch eine Möglichkeit, noch einmal konzentriert auf das eigene Leben zu schauen – auch Bilanz zu ziehen.
Fühlen sich Deine Gesprächspartnerinnen wie Zeitzeuginnen?
Ich denke schon. Es ist ein bisschen ein persönliches Vermächtnis, aber auch ein Denkmal für eine ganze Frauen-Generation, die einiges bewegt hat – besonders für die Emanzipation. Auf deren Errungenschaften können die nächsten Generationen vielleicht aufbauen. Mal schauen, was die Zukunft so bringt.
Wie ist die Resonanz auf Deinen Podcast?
Insgesamt wird er positiv aufgenommen. Doch gerade ältere Leute tun sich manchmal schwer, den Podcast zu finden - obwohl er auf allen gängigen Plattformen verfügbar ist und auch auf meiner Homepage die Links stehen, die man nur anklicken muss. Ich wünsche mir, dass meine Hörerinnen und Hörer auch mal einen Like oder einen Kommentar öffentlich hinterlassen. Nur so zeigt der Algorithmus den Podcast auch anderen Interessierten an. Aber natürlich freuen mich auch private Mails von Hörerinnen. Durch meinen Podcast habe ich noch mal eine andere Form der Veröffentlichung kennengelernt. Da musste ich mich anfangs neu einarbeiten.
Hören junge Frauen den Podcast?
Ich bekomme auch Resonanz von jüngeren Frauen, die ihn spannend finden.
Was weißt Du über die Reichweite?
Ende 2025 waren es 24.000 Klicks. Aber, ob die Leute jetzt auch den Podcast ganz gehört haben, weiß ich nicht. Ich freue mich jedenfalls über den Zuspruch, schließlich steckt da kein Verlag oder Sender dahinter, die PR machen. Klar, es könnten ihn durchaus noch mehr hören. Ich hatte nicht erwartet, dass gerade Ältere so eine Abneigung oder auch Angst haben, überhaupt einen Link anzuklicken, weil sie denken, sie müssten dann irgendwas bezahlen. Ich bin extra mit dem Podcast auch auf YouTube gegangen, weil da keine Zustimmung für Cookies notwendig ist. Und YouTube nutzen Ältere eher als Spotify oder so.
Im Hörkino haben wir ja durchaus viele ältere Gäste. Liegt es am Format?
Ob die auch im Netz unterwegs sind? Auf jeden Fall stehen alle 17 Folgen des Podcast im Internet und sind jederzeit abrufbar. In der vorletzten Folge habe ich mit der Hebamme Brigitte Kette über die Veränderung in der Geburtshilfe gesprochen. Und davor habe ich die Filmemacherin Gerburg Rhode-Dahl portraitiert. Sie hat mit 65 noch mal einen Neuanfang gewagt. Mit inzwischen 87 Jahren begleitet sie ein palästinensisch-israelisches Friedensprojekt mit der Kamera. Der Podcast spiegelt so auch virulente Themen unserer Zeit: Nichts, was nur vergangen ist, sondern was in unserer Zeit heute noch wirksam ist.
Hier geht’s zum Podcast „Alt und unverzagt – Frauen erzählen Geschichte“ Reinhören lohnt sich! podcast.de/podcast/3409403/alt-und-unverzagt-frauen-erzaehlen-geschichte/


